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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 232

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Presseschau [Nachricht] / h. c.
Date
1935-08-01
Page
232 (sequence 1)
Language
German
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Presseschau Die Geschichtsbetrachtungen einer Zeit spiegeln ihre eigenen Züge wider. Forderungen und Kritik, die der Geschichtsschreibung gegenüber laut werden, beleuchten deshalb nicht nur den Gegenstand, sondern auch die Blickrichtung dessen, der sie ausspricht. Es ist bemerkenswert, daß an offizieller Stelle, in der kulturellen Beilage des Reichsjugend-Pressedienstes (Nr. 129) von Dr. Herbert Buhl festgestellt wird, daß wir bereits „eine Inflation" auf dem Gebiete der Geschichte und Geschichtsschreibung haben, und es wird — um ein Prinzip der Auslese zu ermöglichen, daran erinnert, daß „Geschichte eine Wissenschaft ist und daß an die Geschichtsschreibung sonach die Anforderung ernster Forschungsarbeit zu richten ist. Ein geschichtliches Werk muß daher einen positiven, geschichtlichen Wert besitzen". Besonders fehle den heutigen geschichtlichen Romanen eine gewisse Tiefenwirkung im Vergleich zu denen früherer Epochen (Freytag, Dahn), und es wird daher ihr Wert als Volksbildungsmittel bezweifelt. Außerdem tritt der Verfasser für eine Weltgeschichte volkstümlicher Bedeutung ein, da wir seit Ranke keine befriedigende Darstellung dieser umfassenden Art besitzen. Ein solchesWerk aber müßte die Ansprüche vollkommener Stoffbeherrschung, schriftstellerischen Könnens und darstellender Fähigkeit erfüllen. Wie die schon Vergangenheit gewordene Geschichte, so fordert auch das zeitgenössische politische Geschehen einen übernationalen Rahmen, um seine Tendenzen in größerem Zusammenhange beurteilen zu können. „Europa ohne Kompaß'' heißt Eugen Diesels Diagnose (Deutsche Rundschau, Juni 1935), in der er eine großzügige Deutung des ebenso entsetzlichen wie verheißungsvollen Prozesses dieser Jahrzehnte mit dem Umriß eines sehr positiven Zukunftsbildes verbindet. Im Zeitalter angespanntester Nationalismen laufe sich der durch die nationalen Kräfte überbeanspruchte politische Mechanismus, dem das Schmieröl des liberalen Ausgleichs der Vorkriegszeit fehle, heiß und bei solch allgemeinem Mißstand werde es viel deutlicher als früher, daß es sich schließlich doch um Europa handle. Es sei nun an der Zeit, daß die kultivierten und hochorganisierten Völker nach der Vollendung ihrer nationalen Reife eine gemeinsame europäische Ordnung fänden. Sie müsse sich „als europäische Idee, nicht nur als Ausgleich oder Stimmung, sondern mit wuchtigem Ernst neben und über die nationalen Ordnungen stellen. Der Erdteil muß als Einheit höherer Art genau so bewußt werden, wie einstmals die Völker und Nationen höherer Art hervortraten. Solche Dinge sprechen sich einfach aus. Aber was bedeutet es, wenn aus der Not der Völker ein großer Beweggrund europäischer Art die Gemüter ergreift und in seinen Bann zwingt? Nicht mehr und nicht weniger als ein ganz neues politisches, geistiges und sittliches Denken und Fühlen, unvergleichbar demjenigen, das bis zum Weltkriege und nachher zwischen den Völkern (international) galt. Es kommt diesmal als wahrer politischer Ernst, als eine ge- 232

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