Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 5 (August 1935)
- Article
- Perspektiven der geistigen Entwicklung Palästinas
- Date
- 1935-08-01
- Page
- 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon und Hemmungen verfügen, um unseren Nationalismus zugleich inhaltlich jüdischer und menschlicher zu machen. Äußerlich und innerlich wird das jüdische Erziehungswerk der nächsten Jahre einen mächtigen Anstoß erhalten durch die für Palästina nun schon gewohnte, aber doch umwandelnd wirkende Erscheinung der Jugendalijah. Die Tatsache allein, daß alljährlich Hunderte von Kindern und Jugendlichen, vorerst nur aus Deutschland, sehr bald wohl aber auch aus Polen und anderen Ländern Osteuropas, in einem noch der Formung bedürftigen und zugänglichen Lebensalter ins Land kommen, stellt dessen Erwachsenen-Generation vor die in diesem Umfang bisher unbekannte Aufgabe der Schaffung von „pädagogischen Provinzen". Dieses Jugendland, in dem es so viele junge Ehepaare und so viele ganz kleine Kinder gibt, dessen Altersaufbau vorläufig eine Pyramide auf so breiter Grundlage zeigt, soll nun plötzlich in weitem Umfange den Versuch elternloser Erziehung zu glücklichem Ende führen. Es ist eine gewaltige Verantwortung, aber keine selbstgewählte, sondern eine vom Schicksal auferlegte. Die hiermit im Zusammenhang stehenden pädagogischen und berufspädagogischen Fragen können gar nicht ernst genug genommen werden; das gleiche gilt von den kulturellen, der sprachlichen und der religiösen Frage. Was die letzte anbetrifft, so mag die Mitteilung von Interesse sein, daß zur Zeit ernsthafte Anstrengungen gemacht werden, den schon bestehenden Institutionen ein religiöses Jugenddorf zur Seite zu stellen, in dem der Versuch gemacht werden soll, die beiden großen legitimen Erziehungstypen des jüdischen Volkes, den Talmid Chacham und den Chaluz, zu einer lebendigen Begegnung miteinander zu bringen. Die Bildungsaufgabe eines Volkes hört nicht mit Abschluß der Schulzeit auf. Gerade Epochen geschichtlichen Werdens verlangen nach besonders intensiver Erwachsenenbildung. Diese darf sich nicht an einzelnen und zusammenhanglosen Vorträgen in Stadt und Land j*enug sein lassen, sondern muß nach einem System intensiver geistiger Eigenarbeit streben, deren Themen in einem inneren Zusammenhang mit den echten Lebensbedürfnissen der verschiedenen Volks- und Berufskreise stehen. In dieser Hinsicht bleibt in Erez Jisrael fast noch alles zu tun. Ein wichtiger Hebel echter Erwachsenenbildung kann die Presse, muß das Buch sein. Beider Entwicklung im hebräischen Palästina ist verheißungsvoll, wrenn auch noch keineswegs zufriedenstellend. Immerhin ist eine äußere Konsolidierung der großen Zeitungen 'und Verlagsanstalten eingetreten; immerhin nimmt Palästina heute eindeutig die Stelle des Mittelpunktes für die Schaffung und Konsumierung des hebräischen Buches ein, und dieses selbst scheint eine gewisse Wendung aus der von Bialik in ihrem Übermaß so beklagten Übersetzungsliteratur in die eigene Produktivität vorzunehmen. Was vor allem fehlt, ist eine echte öffentliche Meinung, eine freie Diskussion der politischen, sozialen, kulturellen Fragen, unabhängig vom Gewissensdruck aller Parteien und Verbände. In manchen Ländern und zu manchen Zeiten hat das Theater ein© wichtige Funktion der öffentlichen Meinung ausgeübt: man denke nur an die Wirkung von Beaumarchais' „Figaros Hochzeit" und an ihr Echo in Schnitzlers „Grünem Kakadu". Im Theaterwesen Palästinas, das in einer stark aufstrebenden Entwicklung ist, finden sich gewisse Ansätze dazu; wenn auch nicht so sehr 230