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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 229

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Perspektiven der geistigen Entwicklung Palästinas
Date
1935-08-01
Page
229 (sequence 1)
Language
German
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Emst Simon: Perspektiven der geistigen Entwicklung Palästinas Am 7. Ijar 5685 (r. April 1920) wurde die Universität Jerusalem durch Lord Balfour eröffnet: und vor wenigen Monaten, am 7. Ijar 56o,5 (10. April 1935), ist ihr zehnjähriges Bestehen feierlich begangen worden. Dieser Anlaß hat dem Kanzler der Universität, Dr. Judah L. Magnes, nicht nur zu einem groß angelegten Rückblick auf das bisher Erreichte, sondern auch zu einem Entwurf für die nächste Zukunft Gelegenheit gegeben. ..Der Geist weht wohin er will", und alle Pläne werden ihn nicht in seiner Richtung bestimmen oder abwandern, wenn sie nicht selbst dem inneren Gange des geistigen Geschehens angepaßt sind. Deshalb sei der Versuch gemacht, die allgemeinen Tendenzen des geistigen Lebens Palästinas überhaupt kurz zu umschreiben, bevor wir uns dem Inhalt des Zukunftsplanes für die Hebräische Universität Jerusalem zuwenden. Am deutlichsten sind die Tendenzen der Entwicklung innerhalb des jüdischen Schul werkes Palästinas sichtbar. Das Schulwerk steht vor drei großen Aufgaben: Erfassung aller jüdischen Kinder, organisatorische Konsolidierung, innere Judaisierung statt nur äußerer Hebraisierung. Die erste Aufgabe enthält zugleich eine entscheidende Richtung auf das Soziale, die zweite auf das Nationale, die dritte auf das Religiöse und Kulturelle. Das Soziale kommt in einer entscheidenden Weise zu kurz, so lange es einen bedrohlich steigenden Prozentsatz von jüdischen Kindern gibt, die die Schule entweder gar nicht oder doch nur etwa vier Jahre besuchen können, weil sie ihren verelendeten Eltern (meist aus den orientalischen Gemeinden) schon frühzeitig durch Selbstverdienen wirtschaftlich helfen müssen. Die Einführung einer „inner-jüdischen Schulpflicht" — die dann vielleicht beispielgebend auch auf die Regierung und die arabische Bevölkerung einwirken und den Analphabetismus überhaupt im ganzen Lande einschränken wird — hängt aber ihrerseits wieder mit einer zentralen Organisation des gesamten jüdischen Schulwesens im Lande zusammen. Ohne diese ist weder ein gerechter Lastenausgleich zwischen wohlhabenden und armen Städten und Kolonien, noch eine Herabsetzung des übermäßig hohen Schulgeldes in den Volksschulen denkbar. So treten die erste und die zweite Forderung in engem Zusammenhang auf. Die dritte, die innere Judaisierung des hebräischen Schulwerkes, steht nur scheinbar für sich allein. In Wahrheit wird eine tiefere Erfassung der jüdischen Substanz und Erbschaft auch eine Schärfung des sozialen und nationalen Gewissens zur Folge haben. Ein rein formaler hebräischer Nationalismus läßt sich vortrefflich mit der unbefangensten Rücksichtslosigkeit gegen andere Teile des Volkes (und gegen andere Völker) vereinigen; eine Erziehung aber, der es gelingen sollte, das echte Pathos der jüdischen Überlieferung wieder zu erwecken — wozu Orthodoxie allein keineswegs ausreicht —, würde über die nötigen Antriebe 229

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