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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 211

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Vor dem Untergang des Zweiten Tempels
Date
1935-08-01
Page
211 (sequence 4)
Language
German
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Vor dem Untergang des Zweiten Tempels ein Helfer erstehen müsse, der der ungeheuren Verwirrung! und dem Frevel ein Ende bereiten und eine neue Ordnung schaffen würde? Je mehr die Verderbnis zeitlich und geistig einriß, um so mehr steigerte sich und drängte diese Erwartung, sowohl in der Menge als in allen religiösen Sekten, bei Pharisäern, Sadduzäern, Essäern bis zu den Samaritern. Je nach den Abweichungen in der Anschauung der Sekten erschien der Weg, auf dem der Erhoffte und Ersehnte erscheinen sollte, kürzer oder weiter; der Sinn seines Kommens und die Taten, die er tun sollte, erhielten je nach Methode und Behandlung der überlieferten Lehren verschiedene Auslegung. Jedoch in allen Sekten zugleich standen Männer auf, die diese Erwartung und Hoffnung auf sich bezogen und durch deren Kraft eine große Anhängerschaft im Volke fanden, so daß die Verwirrung aufs höchste stieg und das Land von blutigen Geschehnissen erfüllt wurde. Es kam schließlich so weit, daß jeder beherzte und listenreiche Mann, mochte er ein Viehhirte und Wegelagerer sein, sich nicht für zu gering achtete, um als der ersehnte Erlöser oder zum mindesten als sein Wegbereiter aufzutreten. Diese Wirren aus einem drängenden Gefühl der Zeitwende, wie es mit solcher Gewalt weder vorher noch nachher je zum Ausdruck kam, begannen gleich nach dem Tode des Herodes, als seine schwere Hand herabfiel, und hörten bis zum Ende des Bar-Kochba-Aufstandes nicht mehr auf. Das ist der Fluch, der dieser Zeit besonders anhaftet; seine tiefste Ursache — die Niedertracht des Königtums, die Erniedrigung des Priestertums und der überwältigende Wunsch nach neuen Ordnungen innerhalb einer veränderten Weltordnung. Das und noch anderes: der Niedergang des Wissens und der Kenntnisse im allgemeinen, die Verwilderung des niederen Volkes infolge Mangels jeder religiösen und sittlichen Erziehung. Die Quellen der Weisheit versiegen, das Studium und die Unterweisung in den Gesetzen sickern nur noch, infolge der Kriege und Unruhen, die Land und Stadt dreißig Jahre lang in Atem halten: vom Jahre 245 nach der seleukidischen Jahrrechnung — es sind die Jahre 67 bzw. 37 vor der üblichen Zeitrechnung — an, als der Familienstreit im Hause der Hasmonäer ausbrach, bis 275, da der Tempel erobert und Herodes König in Jerusalem wurde. Zumal seit dem Tode Schemajas und Awtalions, der beiden Akademiehäupter zur Zeit des Hyrkanos, des Sohnes von Janai, mehren sich die klaren Beweise, wie erschreckend die Zahl der Schulen und der Schüler abnahm. Und um das Maß vollzumachen, hatte Herodes bei der Eroberung der Stadt den größten Teil der Lehrer und Weisen, die seine Gegner waren, töten lassen. Diese tiefgreifenden Wirren bewirkten im Verlaufe von dreißig Jahren, daß die in einheitlicher Sprache und ebensolcher Ordnung auf den hohen Schulen nach der Überlieferung gelehrten Satzungen 211

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