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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 210

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Vor dem Untergang des Zweiten Tempels
Date
1935-08-01
Page
210 (sequence 3)
Language
German
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Nachman Krochmal es erst sein, als jetzt ein glatter Mann die Herrschaft dadurch erlangte, daß er den Römern schmeichelte! Dazu ein Fremder der Abstammung nach, nur von der Mutter her vom Samen Jakobs, der in allen grundsätzlichen Lebensdingen nicht nach israelitischer Sitte, sondern nach den Gesetzen Roms sich richtete, das ihn großgemacht und erhöht hatte. Hatten schon die Hasmonäer stets den Argwohn erregt, daß sie den Sadduzäern zuneigten, um wie viel mehr mußte man von Mißtrauen erfüllt sein gegen diese Proselyten (das Haus Herodes), die man für fähig hielt, das Volk allmählich von den Satzungen und Sitten ihrer Vorfahren abwendig zu machen und den Gesetzen des fremden, fernen Volkes zu unterwerfen, das die Dynastie geschaffen und mit Würden und fürstlichen Einkünften ausgestattet hatte. Dabei war der Bestand ihrer Herrschaft nicht einmal gesichert; denn die Römer ließen in der Familie Herodes die Königswürde von einem zum andern wandern, bis die Unabhängigkeit vollends verloren war. — Wir müssen ferner in Betracht ziehen, daß mit dem Niedergang des königlichen Ansehens im Volke während dieser Zeit auch die Würde des Hohepriestertums ständig im Sinken war. Denn seitdem das Haus der Hasmonäer durch Herodes vernichtet worden war und die Ernennung der Hohepriester in seiner Hand lag, später in der Hand seiner Nachfolger und der römischen Befehlshaber zugleich, war der Glanz des Priestertums tief in den Staub gesunken. Priester wurden ernannt und abgesetzt, wieder andere ernannt und abgesetzt, die Wahl lag einzig in der Willkür des Herrschers und war von äußeren Umständen abhängig, wobei am wenigsten darauf gesehen wurde, ob die Gewählten für dieses höchste Amt des heiligen Dienstes würdig oder unwürdig waren. Wir können das aus verschiedenen Stellen bei unseren Weisen belegen. Hier wollen wir aus ihren Worten nur eins als Beispiel hersetzen, um zu zeigen, in welchem Maße diese höchste Würde zum Gespött beim Volke geworden war: Jene Halle des Tempels, die für die Privatwohnung des Hohepriesters bestimmt war, nannte man zu gewissen Zeiten die Halle der Buleuten1), um damit auszudrücken, daß der Rang des Priesters zu einem profanen Beamtentum herabgesunken war. Aus alledem können wir uns die Frage stellen und urteilen: wenn das Königtum dermaßen der Mißachtung und dem allgemeinen Mißtrauen, als wäre es eine Fremdherrschaft, ausgesetzt, das Heiligste zu Spott und Schimpf geworden war und die höchsten Symbole dieser Würde mit den Füßen getreten wurden, — was Wunder, daß die alte Hoffnung wieder erstand und mit noch größerer Kraft die Herzen übermannte, daß bald ein Großer und „Ratgeber", Titel der römischen Senatsmitglieder und in Jerusalem der Mitglieder des Synhedrions. 210

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