Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 5 (August 1935)
- Article
- Vor dem Untergang des Zweiten Tempels
- Date
- 1935-08-01
- Page
- 209 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895545-2905199--08152-2905248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nackman Krochmal: Vor dem Untergang des Zweiten Tempels Das Verständnis dafür kann aber nur geweckt und gewonnen werden, wenn man von dem vielfach abgeleiteten und durch Abstraktion verdünnten begrifflichen Judaismus zur ursprünglichen durch historische Kritik gesicherten Tatsachenkenntnis der Tradition und ihrer Entwicklung zurückkehrt und aus ihr das Schicksal des Volkes begreifen lernt. E. F. Bekannt ist der Ausspruch unserer Weisen: „Den Ersten (den Männern des ersten Tempels), — da ihre Sünde durch die vom heiligen Geist inspirierten ü'^oiö (Schriftgelehrten) enthüllt wurde, ist auch ihr Ende offenbart worden; von den Späteren (den Männern des zweiten Tempels) gilt: da ihre Sünde nicht enthüllt wurde, blieb auch ihr Ende verborgen". Wenngleich an einer anderen Stelle diese Sünde kundgetan und mit dem Sammelnamen „grundloser Haß" bezeichnet wird. Indem wir nun die Augen zu Dem erheben, der den in Treue die Wahrheit Suchenden die Wege erleuchtet, wollen wir fortfahren: wir haben längst angedeutet, daß es während der ganzen langen Zeit des Bestandes des zweiten Tempels außer an zeitlichen Gütern auch an vielen geistigen immer mehr fehlte. Das Volk hatte die Empfindung, daß an den Bildern gemessen, in denen die ersten Propheten Israels Errettung für Weltzeit in ihrer Verkündigung dargestellt hatten, die Erlösung unvollkommen war und daß auch das wiedererstandene Königtum niemals auch nur im geringsten dem nach den Heiligen Schriften erhofften glich. Ferner gilt es zu wissen, daß schon bei der ersten Rückkehr der Verbannten zu Beginn der persischen Herrschaft, und eine erkleckliche Zeit später noch, eine einzige Hoffnung und Erwartung sich immer mehr steigerte, daß ein Hohepriester, auf dem der Heilige Geist ruht, erscheinen werde. Auch aus den Denunziationen der Häupter der Samariter gegen Nechemia, den Gouverneur, daß er nach der Herrschaft strebe und Propheten aufstelle, ihn zum König in Juda auszurufen, können wir schließen und erkennen, daß die starke Liebe zum Land und der Gedanke seiner Befreiung so tief im Herzen des Volkes eingesenkt war, daß einzig die Hoffnung es belebte, aus seiner eigenen Mitte werde ein großer König erstehen, der sie erlösen und ihren Kampf kämpfen werde, der verheißene König aus dem Stamme Davids. Denn alle Propheten und Heiligen Schriften, die sie in Händen hatten, sagten und schrieben übereinstimmend, daß der Herr nur mit David und seiner Nachfolge den Bund der ewigen Herrschaft über Israel geschlossen hat, wie mit Aharon über das Priestertum und mit Pinchas über das Hohepriestertum. Wir haben auch bereits erwähnt, daß selbst als die Hasmonäer die Königskrone sich aufsetzten, das Volk keine Freude darüber bezeugte und diese Erhöhung im Herzen mißbilligte. Wenn nun weder im Volk noch bei den Vornehmen wirkliche Teilnahme bestand, als das Königtum von den siegreichen Priestern, die das Joch der Griechen abgeworfen hatten, erneuert wurde, wie mochte 209