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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 208

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Vor dem Untergang des Zweiten Tempels
Date
1935-08-01
Page
208 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Nachman Krochmal: Vordem Untergang des Zweiten Tempels Eine auch nur andeutende Würdigung N. Krochmals (1785 bis 18h0) und der Bedeutung seines 1851 posthum erschienenen Werkes ..More Nebuche ha'seman" (Führer der Verwirrten der Zeit) kann hier nicht versucht werden — ein Hinweis bloß soll die folgende Publikation eines (abgekürzten) Stückes aus dem 10. Kapitel begleiten und ihre Absicht erläutern. Man hat Krochmal als den ..Vater der jüdischen Wissenschaft" bezeichnet. Doch ist es nicht antiquarisches Interesse, das uns zu ihm zurückführt. Hier liegt der seltene Fall vor, daß der Anfang auch gewissermaßen die Vollendung in sich trägt. Krochmals Werk ist im Wesentlichen eine Philosophie der jüdischen Geschichte. Da es aber zu seiner Zeit eine auf eigenem Boden erwachsene jüdische Geschichtsschreibung nicht gab, mußte er mit der Darstellung der leitenden Ideen und der entscheidenden Ursachen, welche die Peripetien bestimmen, vielfach auch die Tatsachen in ihrem Verlaufe geben. Diese geschichtlichen Exkurse sind so hochverdienstlich, da in ihnen mit der Bereitung des Grundes, mit der gewissenhaftesten Prüfung des Materials zugleich auch der Bau schon errichtet wird, an dem der künftige jüdische Historiker und Wissenschaftler weiterbauen konnte. Eine unvergleichliche und umfassende Kenntnis des jüdischen Schrift- und Weistums befähigte Krochmal, sein Werk auf eigenem autochthonem Boden aufzubauen, unter Benutzung fast ausschließlich jüdischer Quellen; und die tiefe Religiosität seines Wesens, verbunden mit einer unbestechlichen Hingabe an methodische Wahrheitserforschung, trafen glücklich zusammen, um ihn die Aufgabe erfüllen zu lassen, die er sich gestellt: Tradition durch historische Kritik zu sichern. Wir waren und sind zum Teil noch heute allzu geneigt, bei der Betrachtung unserer Vergangenheit jene Momente überzubetonen, die man allgemein als Erneuerungsbestrebungen zu bezeichnen pflegt — womit auch schon ihre hohe Bewertung zum Ausdruck gebracht werden soll. Aus einer modernen Schwäche vielleicht, die überall, xoo sie Neues erspäht, auch schon Schöpferisches zu wittern meint. Nun sind ohne Zweifel einige solche Erscheinungen in der Vergangenheit wohl von großer Bedeutung gewesen, wie weit jedoch das Streben oder gar die Sehnsucht nach Erneuerung an sich einen Wert bedeutet, kann aus dem chaotischen Zustand heute, dem man gutgläubig mancherlei Schöpferisches zumutet, nicht abgelesen werden. Dagegen scheint es notwendig, auf jene unserem Bewußtsein abgerückteren Kräfte nachdrücklich hinzuweisen, die je und in jeder Krisis den Bestand retteten, indem sie den Zudrang des Neuen zu bändigen und in das Kontinuum zurückzuführen vermochten, das den unzerstörbaren Zusammenhang fügt und erhält. 208

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