Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 5 (August 1935)
- Article
- Der Jude im Wandel der Reichsidee
- Date
- 1935-08-01
- Page
- 200 (sequence 4)
- Language
- German
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Fritz Friedlaender Im Rahmen der universalen Reichsidee konnte die bürgerliche Einordnung der Juden jedenfalls reibungsloser vonstatten gehen als im Gehege eines geschlossenen Nationalstaates. Denn während der Nationalstaat einer ausschließenden Einheitlichkeit zustrebte, entsprach das Heilige Römische Universalreich Deutscher Nation einem weiträumigen Haus, in dessen vielen Wohnungen auch der Jude eine Stätte finden konnte. Unter der Vorherrschaft der universalen Reichsidee — in der Epoche der Salier und Staufer — ist demnach die Lage der Juden verhältnismäßig günstig gewesen. Gerade der Kaiser, der mit den „anti-universalistischen" Sachsen in schwerem Kampf lag, der Salier Heinrich IV., ist es gewesen, der durch seine Privilegien für Speyer und Worms (1090) den deutschen Juden des Mittelalters eine Art verfassungsrechtliche Organisation verlieh. Die Juden haben sich dem Kaiser, der ihnen Schutz und Lebensraum gewährte, dadurch dankbar erwiesen, daß sie im Verein mit den Bürgern der deutschen Städte sich für die kaiserliche Sache einsetzten. Bei der Kreuzzugsverfolgung von 1146 hat außer dem heiligen Bernhard von Clairvaux der staufische Kaiser Konrad III. den Juden Schutz angedeihen lassen. Sein Nachfolger, der sagenumwobene Kaiser Friedrich I. Barbarossa, hat diese politische Linie durchaus innegehalten. Für seine Einstellung ist das Privileg für die Juden in Regensburg (1182) kennzeichnend, in dem es heißt: „Es ist die Pflicht Unserer Kaiserlichen Majestät, zugleich aber verlangt es die Rechtsgleichheit und die Vernunft, daß Wir jedem Unserer Untertanen, nicht nur den Anhängern der christlichen Religion, sondern auch denen, die nicht Unseres Glaubens sind und nach der Weise ihrer väterlichen Überlieferung leben, ihr Eigentum nach gerechter Prüfung bewahren und für die Beibehaltung ihrer Gewohnheiten sorgen, auch sowohl für ihre Person als für ihren Besitz ihnen Frieden schaffen." — In dem furchtbaren Thronkrieg zwischen dem staufischen Philipp von Schwaben, dem jüngsten Sohn Friedrich Barbarossas, und dem weifischen Otto IV., dem Sohn Heinrichs des Löwen, haben die Juden auf der staufischen Seite gestanden. Schulter an Schulter mit den Bürgern der Stadt verteidigten sie 1201 gegen Otto das staufisch gesinnte Worms. Und der Enkel Friedrich Rotbarts, der als Sieger aus den Thronwirren hervorging, der „erste moderne Mensch auf dem Thron", wie Jacob Burckhardt ihn genannt hat, Kaiser Friedrich IL, hat nicht nur, seinem sizilischen Lebenskreis entsprechend, mit jüdischen Gelehrten intimen Umgang gepflogen, sondern auch 1236 die Juden von der entsetzlichen Anklage des Blutmordes freigesprochen. Im gleichen Jahre übertrug er die Gültigkeit der durch Kaiser Heinrich IV. erteilten Privilegien auf die gesamte reichsdeutsche Judenheit. Als „Kammerleute" des Kaisers — das heißt 200