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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 199

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Der Jude im Wandel der Reichsidee
Date
1935-08-01
Page
199 (sequence 3)
Language
German
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Der Jude im Wandel der Reichsidee je stärker der staufische universale Imperialismus nach Süden griff, desto mehr sich vom übrigen Reich löste, ist der deutsche Staat des Mittelalters — das Erste Reich — weder wie das Zweite Reich ein bürgerlicher Nationalstaat noch wie das Dritte Reich ein völkischer Gemeinschaftsstaat gewesen. Denn als der deutsche territorialfürstliche Partikularismus bei dem Entscheidungskampf zwischen Imperium und päpstlicher Kurie der kaiserlichen Reichszentralgewalt in den Rücken fiel, als er mit der übernationalen römischen Theokratie gemeinsame Sache machte, mußten die Ansätze zu einem totalen Nationalstaat verkümmern. Inmitten dieses locker gefügten Universalreiches, das im Verlauf seiner Geschichte weite Strecken des westlichen, südlichen und östlichen Abendlandes umfaßte, das somit weder Rassenstaat noch Volkstums-Staat im heutigen Sinne war — inmitten dieses teils theokratisch, teils diesseitig organisierten Staatskörpers konnten die Juden, wie wir in Umkehrung des bekannten Mommsenschen Ausspruches sagen möchten, ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und damit der universalen Komposition sein. Denn ein derartiger Kosmopolitismus lag durchaus im Zuge der Gesamtpolitik der universalistischen deutschen Herrscher. Mit den Römern waren die Juden vom italienischen Süden her in den deutschen Herzraum des Rheins gekommen; im deutsch-slavischen Ostraum — dem Wurzelboden der nationalen Reichsidee — waren sie zunächst Landfremde. Während in jenem Ostraum die bäuerliche Naturalwirtschaft noch vorherrschte, drang vom Süden, aus den oberitalienischen Städten, die moderne Geldwirtschaft vor. Wie ein Blick auf die süddeutschen Fugger und Welser lehrt, sind Juden zwar nicht die ausschließlichen Träger der neueren Wirtschaftsform geworden, die wegen ihrer Beweglichkeit der universalen Reichsidee entsprach; aber die Rolle der Vermittlung war ihnen, die von Landarbeit und Handwerk von Staatswegen ausgeschlossen waren, gemäß. Sie standen überall unter dem auch weltlich geltenden Recht des Talmuds und galten daher als verläßlich; ihr Wohnen an den Mittelpunkten des Warenumschlags und Verkehrs, ihre Wanderungen — in der Zeit der Germanenzüge, Römerzüge, Kreuzzüge keineswegs abnorm —, ihre Nachrichtenübermittlung, räumliche Ausbreitung, Kenntnis der Menschen, ihrer verschiedenen Verhältnisse und Sprachen, nicht zuletzt ihre geistige Einfügung in die Mischkultur der staufischen Renaissance1): all das waren Eigenschaften, durch die das jüdische Element den Zusammenhalt des Universalreiches beförderte. Deshalb haben die universalistischen deutschen Herrscher sich bemüht, dieses Element positiv in ihre Politik einzubeziehen. x) Vergl. den grundlegenden Aufsatz von H. Niese, Zur Geschichte des geistigen Lebens am Hofe Kaiser Friedrichs IL, Histor. Zeitschrift, Bd. 108. 199

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