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Der Morgen · 1935-08-01 · Heft 5 (August 1935) · p. 198

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 5 (August 1935)
Article
Der Jude im Wandel der Reichsidee
Date
1935-08-01
Page
198 (sequence 2)
Language
German
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Fritz Friedlaender Politik die Kenntnisse und Fähigkeiten seiner jüdischen Untertanen zu schätzen und zu nützen. Es war ein staatspolitischer Akt von außerordentlicher Tragweite, daß er den Juden die Erlaubnis zum Handel im ganzen Reiche erteilte. Der Jude wurde auf diese Weise zum ausführenden Organ der Wirtschaftspolitik des Kaisers, die über die binnenwirtschaftliche Begrenzung hinweg zu einem gemeineuropäisch-universalen Güteraustausch hinstrebte. Ein in der kaiserlichen Residenz Aachen wohnhafter Großhändler ist wahrscheinlich jener Jude Isaac gewesen, der im Jahre 797 die kaiserliche Gesandtschaft an den Kalifen Harun al Raschid als Dolmetsch begleitete. Da die kaiserlichen Gesandten auf der Fahrt vom Tode ereilt wurden, mußte Isaak allein die Gefolgschaft zurückführen. Nicht weniger als vier Jahre waren vergangen, ais er am 20. Juli 802 die reichen Geschenke und Nachrichten des Kalifen dem Kaiser überbringen konnte. Karls Sohn und Nachfolger Ludwig der Fromme setzte die Politik seines Vaters fort, so daß der Erzbischof Agobard von Lyon sich sogar über das Ansehen, das die Juden beim Kaiser und bei hohen Herren genossen, beschwerte. Die Beweggründe, die die Repräsentanten der universalen Reichsidee zu einer judenfreundlicheren Einstellung veranlaßten, werden nur durch die Erkenntnis der politischen und geistigen Gesamtverfassung des mittelalterlichen Deutschen Reiches verständlich. Es gab für die Deutschen des Mittelalters zwei Möglichkeiten staatlicher Gestaltung. Einmal das universale Imperium, das aus der Verbindung mit Rom und Italien seinen Charakter empfing. Der Umstand, daß das geistliche Oberhaupt des unbedingt christgläubigen Abendlandes zu Rom residierte, wurde zum Rückgrat der universalen Reichsidee. Die Romzüge der deutschen Kaiser, namentlich aber die universale, auf Unteritalien gerichtete Machtpolitik der Staufer, die jeden nationalen Gepräges entbehrte, standen im Banne jener Reichsidee. Die andere, wegen des Übergewichtes theologischer Tatsachen nicht realisierbare Möglichkeit war in einem deutschen Nationalstaat enthalten, der über jede Bindung an außerdeutsche (italienisch-römische) Interessen sich hinwegsetzte. Ebenso wie das Geschlecht der Staufer Vorkämpfer der universalen, so war das Geschlecht der Weifen Vorkämpfer der nationalen Reichsidee. Die eine Reichsidee wies nach Süden, nach Rom und Italien; die andere nach Osten, nach dem Land zwischen Elbe und Weichsel. Als im Jahre 1176 der gewaltige Sachsenherzog Heinrich der Löwe, Erbe der politischen Tradition Widukinds, dem Kaiser Friedrich I. Barbarossa zu Chiavenna die Gefolgschaft verweigerte, war der Bruch zwischen der universalen und der nationalen Reichsidee vollzogen. Es war ein weltgeschichtlicher Moment. Trotz dieses energischen Vorstoßes in die Richtung auf die nationale Reichsidee und obgleich der niedersächsische Norden, 198

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