Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 5 (August 1935)
- Article
- Der Jude im Wandel der Reichsidee
- Date
- 1935-08-01
- Page
- 197 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Friedlaender: Der Jude im Wandel der Reichsidee Im Rahmen der Geschichtsphilosophie, die sich heute mit neuem Schwung um die Deutung der tragenden Ströme deutscher Geschichte bemüht, erscheinen Karl der Große und Widukind als die sinnbildlichen Repräsentanten zweier Grundströmungen, die als Universalismus und als Nationalismus bezeichnet werden. Unter Universalismus wird eine geistige Haltung verstanden, die — im Gegensatz zum Nationalismus — ihren Mittelpunkt nicht im eigenen Volk, sondern in übervölkischen Gedankenmächten sucht; so gilt Karl der Große durch sein Bündnis mit Rom als Begründer des Universalismus, Widukind durch seinen Widerstand gegen Karl und Rom als Begründer des Nationalismus in der deutschen Geschichte. Während die alte universale Reichsidee von Karl dem Großen, den Päpsten, den Habsburgern vertreten wurde, ist der Rückhalt der neuen nationalen Reichsidee, wie Alfred Rosenberg es formuliert, „in den Werten des Freiheitskampfs Niedersachsens, in der Kolonisation des deutschen Ostens, in der Entstehung Brandenburg—Preußens, im Hervortreten der deutschen Philosophie, der deutschen Dichtkunst und Musik, im Erwachen der nationalsozialistischen Bewegung'' enthalten. Karls Sieg über Widukind hat (nach Rosenbergs Darlegung) den Verlauf der deutschen Geschichte auf ein Jahrtausend bestimmt. Rom, das universalistisch-römische System, zwang den deutschen Geschichtsverlauf in das Strombett seiner Bestrebungen. Erst gegenwärtig, mit dem Durchbruch der nationalsozialistischen Bewegung, ist der Gegenstoß der nationalen Reichsidee erfolgreich geworden. In dieser Gesamtdeutung deutscher Geschichte geht es um etwas, das auch unsere Stellung — die Stellung der reichsdeutschen Juden im Deutschen Reich — betrifft. Das bietet uns die Veranlassung, unser geschichtliches Schicksal innerhalb des deutschen Volkes anhand der neu geprägten Begriffe zu untersuchen. Gerade der mächtige Herrscher, dessen Charakterbild, von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, heute in der Geschichte schwankt, ist es gewesen, der als erster in der deutschen Herrscherreihe Privilegien an Juden erteilte. Karl der Große vermochte in Übereinstimmung mit seiner gesamteuropäisch-universalistischen 197