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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 190

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Eine Juden-Novelle von Stendhal
Date
1935-07-01
Page
190 (sequence 2)
Language
German
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verachtet, ja selbst von den Juden, denn ich war lange arm gewesen". (Ob das „war" einen späteren Übertritt zum Christentum vorbereiten soll oder ob die Vergangenheitsform nur gewählt ist, weil das Judesein und Armsein und sein Aussehen Eigenschaften sind, die der gleichen Zeit seiner Lebensgeschichte angehören, verrät das Fragment nicht.) Den höflichen Einwurf, daß diese Verachtung sehr ungerecht sei, unterbricht er ungeduldig — er sei zum Plaudern aufgelegt und spreche entweder gar nicht oder ehrlich. Eine Ghettogeschichte ist diese Novelle Stendhals nur am Anfang. Da hausiert Filippo in den Straßen von Venedig mit einem Kasten, auf dessen Deckel Goldschmiedearbeiten ausgelegt sind, aber in einer verborgenen Schublade enthält er Wollstrümpfe, Taschentücher und englische Konterbande. Nach dem Tode seines Vaters brennt ihm die Mutter mit seinen kleinen Ersparnissen durch. Der Junge stiehlt seiner Nachbarin einen Geigenkasten und kauft sich vom Erlös acht Taschentücher zu zehn Soldi, die er mit elf Soldi verkauft. Am ersten Tage verkauft er den Laden viermal aus. Der Kaufmann gibt ihm einen Fußtritt, als er auf seine verwunderte Frage, warum er nicht mehr auf einmal bezöge und sich mehrmals am Tage den Weg von seinem Laden zum Arsenal mache, wo er bei den Matrosen seine Ware loswurde, die Antwort erhält, daß er im ganzen vier Franken sein eigen nenne. Aber am nächsten Morgen ist er wieder da, schläft in den warmen Nächten unter den Prokuratien und bezeichnet das Leben, das er von 1800 bis 1814 führte, als „scheinbar unter Gottes Hut" stehend. „Und der Jude nahm mit zarter Ehrfurcht seine Kopfbedeckung ab", setzt Stendhal bei diesen Worten hinzu. Seine Mutter meldet sich wieder, als sie hört, daß er zu Geld kommt, betrügt ihn aufs neue um das Seine und verschuldet ihn bei einem Goldschmied, der ihn mächtig mißhandelt. Aber er einigt sich mit ihm und hat es im Jahre 1805 bis auf ein Kapital von 1000 Franken gebracht — der Goldschmied hatte ihm Orringe bis zum Werte von zwanzig Franken anvertraut, an jedem Stück durfte Filippo fünf Soldi verdienen und mußte dem Goldschmied zehn Soldi pro Tag zahlen. Dieser Judenjunge ist der „schmuckste Bursche Venedigs". Er hält sich an das jüdische Gesetz der Frühehe: „Ich hatte das Unglück, mich in ein Mädchen unseres Volkes zu verlieben", sagt Filippo von der „Gans", von der er nicht loskommt, weil sie ihm „so hübsch erschienen". Hier hört die eigentliche Ghetto-Geschichte auf. Die Schilderung dieses Lebens führt mit den tollsten Windungen — um so überraschender und wirkungsvoller, je einfacher Stendhal sie erzählt — in die Höhe und wieder in die Tiefe. Ganz unvermittelt bricht das Fragment dann ab. Wie die wechselvollen Schicksale weitergegangen wären, wie der „Fluch", den der Held seit dem Verlassen der Geliebten zugunsten seiner unwürdigen eigenen Frau über sich fühlt, ihn die anderthalb Jahrzehnte verfolgt hätte, die zwischen den Ereignissen von 1814 und dem Zeitpunkt der Erzählung liegen, wissen wir nicht. Jedenfalls hat Filippo Ebreo wie die anderen Jünglingsgestalten Stendhals die Mischung von Romantik und Realismus mitbekom- 190

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