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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 189

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Eine Juden-Novelle von Stendhal
Date
1935-07-01
Page
189 (sequence 1)
Language
German
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Eine Juden-Novelle von Stendhal Nach der Juli-Revolution und nach dem Erscheinen seines Hauptwerks „Rot und Schwarz" hatte Henri Beyle-de Stendhal der neuen französischen Regierung seine Dienste angeboten. Die liberale Regierung gab ihm einen Konsulatsposten, soweit war die Rechnung des Dichters richtig; aber Metternich, der ihn schon zwei Jahre vorher aus Mailand hatte ausweisen lassen, verweigerte ihm wegen seiner freiheitlichen Gesinnung den Aufenthalt in Triest. So landete er in Civitavecchia, das zum Kirchenstaat gehörte, ein Fiebernest war und nach Stendhals Worten „halbafrikanisch". Da man „vor Langeweile krepiert", macht man Abstecher nach Rom, findet man Vorwände zu längeren Reisen nach Paris, der Unterbeamte Lysimachus Caftangliu Tavernier, ein Griechenstämmling, muß einem die Arbeit machen und als Schweigegeld verschafft man ihm die Ehrenlegion. Selber aber liest man alte Chroniken, die man sich gekauft hat, und formt aus diesen Stoffen die berühmt gewordenen „Italienischen Novellen". Eine von ihnen erschien erst nach seinem Tode, vierzehn Jahre nach der Randbemerkung, die er am 15. Januar 1831 auf das Manuskript geschrieben hatte: „Da ich nichts zu lesen habe, schreibe ich. Es ist das gleiche Vergnügen, nur intensiver. Der Ofen bereitet mir Qual. Kalte Füße und Kopfweh. Triest, 14. und 15. Januar 1831". Es handelt sich um das Bruchstück „ F i 1 i p p o Ebreo". Ob Stendhal durch die Übersiedlung nach dem „Schwalbennest" das Interesse an der Arbeit verloren hat, ob der Genuß an der Bearbeitung altitalienischer Stoffe den Plan verdrängt hat, entzieht sich der Kenntnis der Nachwelt. Friedrich von Oppeln-Bronikowski, der sie als erster übersetzte, sagt von der „leider unvollendeten Novelle": „Hier zeigt sich Stendhal von einer ganz neuen Seite: als geduldiger Kleinmaler des Ghettotreibens. Man meint eine Ghettogeschichte von Israel Zangwill zu lesen". Diese Auffassung teilen wir nicht. Aber seiner Bewertung schließen wir uns an: „Das Fragment ist (daher) von hoher Bedeutung für Beyles künstlerisches Gesamtbild; man wird ihm deshalb das Fehlen des Schlusses gern zugute halten . . . der schwermütige Reiz des Unvollendeten liegt auf manchen seiner Schöpfungen, so gut wie auf manchen Schöpfungen Michelangelos und Leonardos, deren Leben und Schaffen er beschrieben hat". Wie die übrigen itaüenischen Novellen Stendhals hat wohl auch „Filippo Ebreo" eine fremde Quelle. Wir kennen sie nur nicht. Aber die Vermutung liegt nahe, daß sie auf eine mündliche Überlieferung zurückgeht — anläßlich einer Begegnung mit dem Urbild der Titelfigur. Auf einer Schiffahrt nach Venedig erzählt Filippo, der Jude, seine Geschichte. Er ist fünfundvierzig und „noch recht ansehnlich", wie seine Zuhörer ihn unterbrechen, als er mit der Feststellung beginnt, daß er als Dreißigjähriger anno 1814 „ein sehr schöner Mann" war. Jüdisch sah er kaum aus, denn nach seiner Mitteilung, daß er damals nichts besaß als „hohen Wuchs und seltene Schönheit", fügt er hinzu: „Im übrigen war ich Jude, von Ihnen, den Christen 189

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