Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 186 (sequence 3)
- Language
- German
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systematisch ausgebauten, schön und greifbar dargebotenen Warenlager eines modernen Warenhauses! Aber die Warenhäuser stehen eben heute auf dem Index, und darum müssen schon die Regens burger Juden von 1475 Warenhaushandel betrieben haben — genau so wie vor 30 Jahren die Belowsche Schule sich bemühte, den damals verpönten Hausierhandel schon bei den Juden des frühen Mittelalters nachzuweisen! Nicht besser fundiert ist das Kapitel über die Kirche (S. 57—90). Der Missionsprediger Peter Schwartz (Nigri) mag vielleicht eine ausgezeichnete Persönlichkeit gewesen sein, aber was Grau ihn gegen die Juden sagen läßt, ist nicht im geringsten originell, vielmehr von den Kirchenvätern an überall zu finden, absolut konventionell und mußte darum in der damaligen Zeit ohne Wirkung bleiben. „Nigri ist bei den meisten Christen mißverstanden und abgelehnt worden" (S. 89), und da wird den Juden heute ein Vorwurf daraus gemacht, daß sie ihm nicht zu Willen waren! Von der sozialen Mission der Kirche heißt es (S. 85), daß sie „den Zuständen vor der Reformation entsprechend, im Geiste einer defekten Religiosität" auftrat. Und dieser Geist der defekten Religiosität sollte die Juden anziehen? Auch die scholastische Wirtschaftsidee konnte ihnen nicht imponieren, wenn sie fortwährend mit ansehen mußten, wie man gegen sie verstieß und aus Geldgier sie selbst zu Verstößen gegen sie verleitete! Völlig isoliert von allen sonstigen Zeitereignissen und der Regensburger Vergangenheit, die einmal kurz gestreift wird (S. 111), ist auch das Kapitel über die „Politik um Juden" (S. 91—130). Auch da liest man den historisch richtig gesehenen Satz: „Die Juden werden als eine Herde Vieh angesehen, die dazu da ist, um ihrem Besitzer Nutzdienste zu leisten. Dieser hat ein eigenes Interesse, daß die Weideplätze seiner Tiere fruchtbar und auskömmlich sind, daß kein böser Nachbar an ihrem Fettwerden sie hindert, daß kein Dritter es wagt, die Früchte solcher Viehzucht sich anzueignen" (S. 94). Aber diesen krassen Eigennutz charakterisiert Verf. anderwärts dahin, „die Interessenpolitik hat den Primat über jede Art von orthodoxer, antisemitischer Gesinnung errungen" (S. 98), als ob „orthodoxe, antisemitische Gesinnung" ein naturgegebenes Movens der Politik wäre! Selbst den Rassenantisemitismus möchte er bei den alten Regensburgern nicht entbehren (S. 134)! Was er als „Lösungsversuche der mittelalterlichen Judenfrage" behandelt (S. 138 f.), bringt nicht einen einzigen solchen Versuch, wie etwa die Zuführung der Juden zur Handarbeit, die in kirchlichen Kreisen damals erwogen wurde, oder die Regelung des Zins- und Hehlerrechts, wie sie die Juden unter Führung Joselmanns von Rosheim kurz darauf selbst vornahmen, sondern rein politische, für die Gegenwart bestimmte Betrachtungen. Daß bei der Einstellung des Verfassers immer nur der Standpunkt des Antisemitismus und nicht die Gegenrede der Juden zur Geltung kommt, braucht nicht erst gesagt zu werden. Alle Anklagen gegen sie werden ausführlich dargestellt und geglaubt, ihre Verteidigung, die in den Quellen ohnehin schon knapp wiedergegeben ist, kaum berührt. Damit muß man sich abfinden. 186