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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 177

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Die Israel-Quellen bei Tacitus
Date
1935-07-01
Page
177 (sequence 3)
Language
German
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Die Israel-Quellen bei Tacitus mehr ergibt sich der Sinn: „Feindschaft gegen Edom". Dieser Sinn aber ist vollkommen verständlich: die Israeliten als legitime Erben des Jakobssegens (Gen. 27) standen in einem notwendigen Gegensatz zu der Nachkommenschaft von Esau oder, was dasselbe ist, von Edom. Israelitentum wurde dogmatisch gleichbedeutend mit dem Abschluß gegen Esau oder mit „Feindschaft gegen Edom"; vgl.Maleachi 1, 3: „Esau aber hasse ich ßone-thi)", was die lateinische Vulgata mit „Esau autem odio habui" übersetzt. Tacitus, der des Hebräischen unkundig war, konnte diese Zusammenhänge freilich nicht durchschauen, und die Beweggründe seines unredlichen Gewährsmannes können wir unerörtert lassen. Ähnlich unschwer erklärt sich nun auch die Eselslegende aus den Historien des Tacitus, wenn man nämlich auf die hebräischen Vokabeln "TO (*jir) Jerusalem und ('jajir) Esel (Wildesel) zurückgeht. Ohne Vokalisation geschrieben, müssen beide Wörter ohne weiteres als identisch erscheinen. Nimmt man noch die — wenigstens fürdenNichtkenner — ähnlich geschriebenen Vokabeln V2 ('jajin) „Quelle" und ('jojef) „müde, ermattet sein, dürsten" hinzu, so sind alle Bestandteile beisammen, aus denen ein Übelwollender die absurde Eselslegende mühelos zusammenstellen und sie Unkundigen als zuverlässigsten Bericht vortragen konnte. Befremdlich kann ein solcher Vorgang nur demjenigen erscheinen, der unberücksichtigt läßt, wie gering im Altertum bei Römern und Griechen die Neigung war, fremde Sprachen kennen zu lernen. Hat sich doch, trotz eines an sich vorhandenen starken Interesses der Alten an der eigenen Sprache, niemand gefunden, der in Rom an einer Erforschung der etruskischen Sprache Interesse genommen hätte, obwohl namentlich der ganze Vorrat lateinischer Sakralbezeichnungen stark etruskisch beeinflußt und dies auch durchaus bekannt war, überdies die etruskische Sprache noch bis in die Zeit des Augustus hinein gesprochen worden sein muß. Sie wurde als barbarisch abgelehnt, und so ist der Schlüssel zu ihrem Verständnis bis jetzt verloren gegangen. Nicht anders stand es um die Ablehnung des Hebräischen. Nicht auffallend daher auch, daß eine mißbräuchliche Ausbeutung der vielen Mehrdeutigkeiten von Schrift und Sprache mit leichter Mühe zu unprüfbaren Mißdeutungen und weiterhin zu absurden Legenden führen konnte. Für Tacitus persönlich, als Schriftsteller, kommt hinzu, daß er, bei aller wahrheitsuchenden Kritik, die keine Mühe scheute, dennoch nach seiner eigenen Angabe als Historiker oft genug sich auf mündliche Überlieferungen verließ und es gelegentlich nicht als Verstoß ansah, die „fama", d. h. das Gerede, als geschichtliche Quelle gelten zu lassen. Es kann übrigens auch noch eine andere verborgene Beziehung in die Untergründe dieser Taciteischen Eselslegende hineinspielen. Israels heilige Schriften, die von dem „auserwählten, verherrlichten" (~ii?s a po'ar) Volke 177

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