Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Die Israel-Quellen bei Tacitus
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 176 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Erik Goldschmidt ihnen folgte, entdeckte dort, inmitten grünender Vegetation, (die Tränkstätte der Tiere, nämlich) ein beträchtliches Wasserloch mit fließendem Wasser. Dies brachte die Rettung . . . Das Abbild (eines) dieser Tiere, denen sie die Rettung verdankten, verehrten sie dann in ihrem Heiligtum. Widder dagegen schlachten sie, um den (ägyptischen) Jupiter Ammon zu kränken; ebenso Rinder, da der Apisstier in Ägypten heilig ist". Es ist nun die Annalenstelle vom „Haß gegen das Menschengeschlecht" in ihrem Zusammenhang und auch sonst bisher so unverständlich erschienen, daß man sie als unerklärbar hat auf sich beruhen lassen. Die Historienstelle aber enthält schon auf den ersten Blick etwas in sich derart Ungereimtes, daß man versucht ist, an der Gewissenhaftigkeit zu zweifeln, die dem Tacitus hinsichtlich der Benutzung seiner Quellen herkömmlicherweise nachgerühmt wird. Die Frage wäre, da Tacitus selbst eine Nennung seiner Quellen unterläßt, für uns unmöglich zu beantworten, wenn nicht die sprachwissenschaftliche Analyse der beiden Tacitusberichte uns gewisse Fingerzeige böte. Diese weisen auf eine ganz bestimmte Tatsache hin. Es muß nämlich, auch noch nach dem berüchtigten Alexandriner Apion, bereits zu Tacitus' Zeiten weitere literarisch tätige Gegner des Judentums gegeben haben, die — etwa im Stile der aus der Literatur des Mittelalters genugsam bekannten Renegaten Pinto, de Lyra, Elischa ben Abuja — ihre Kenntnis des Hebräischen benutzten, um Nichtkenner des jüdischen Volkstums bei wissenschaftlichem Bedarf mit Material zu versehen, das, von ihrer persönlichen Voreingenommenheit gegen die verleugnete Nationalität beeinflußt, Sachverhalte und Tatsachen entstellte. Es kann hierbei auf sich beruhen, ob Tacitus aus Quellen erster Hand geschöpft hat oder ob die entstellten Überlieferungen schon aus früherer Hand auf ihn gelangt sind und ohne die gebotene Nachprüfung durch ihn Weiterverbreitung gefunden haben. Indessen nun zur Kritik unserer Stellen. „Haß gegen das Menschengeschlecht" (odium generis humani) kann nach lateinischem Sprachgebrauch ebenfalls übersetzt werden mit „verhaßt bei der ganzen Menschheit". Aber verständlicher wird dadurch die Stelle nicht. Tacitus gibt sich selber keine Mühe, seine dunkle Wendung zu erläutern. Man hat den Eindruck, als berichte er mit vollem Bewußtsein eine phrasenhafte oder formelmäßige Redensart, die ihm persönlich zugetragen worden sein oder allgemein kursiert haben mag und deren Bedeutung er selbst nicht recht verstanden zu haben scheint. Ein Licht aber fällt auf unsere Stelle, wenn wir die lateinische Wendung ins Hebräische übertragen, also etwa in (ßinah b'adam). Bei fortgelassener Vokalisation kann nun aber derselbe Ausdruck ohne weiteres als rffP (ßinah b'edom) gelesen werden. Und nun- 176