Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Die Israel-Quellen bei Tacitus
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 175 (sequence 1)
- Language
- German
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Erik Goldschmidt: Die Israel-Quellen bei Tacitas Über das Kulturschicksal des jüdischen Volkes im Römischen Reiche mangelt es nicht an antiken Literaturzeugnissen. Wenn hier aus der Reihe der römischen Geschichtsschreiber, denen wir einschlägige Nachrichten verdanken, gerade Tacitus besonders hervorgehoben wird, so hat dies zwei Gründe. Einmal nämlich steht Tacitus überlieferter Weise und keineswegs ohne Recht in besonders hohem Ansehen als unparteiischer Wahrheitsforscher und unerschrockener Kritiker seiner Zeit. Um so schwerer wiegt es daher, wenn andererseits gerade bei Tacitus sich besonders herbe Urteile über das Volk Israel finden. Es handelt sich um die beiden berühmt gewordenen Stellen aus seinen Werken, die nachstehend auszugsweise in deutscher Übersetzung mitgeteilt werden sollen, bevor zu ihrer kritischen Behandlung geschritten wird. Im 15. Buch seiner „Annalen" (Kap. 44) schreibt Tacitus über die Christenverfolgung unter Nero. Er rindet dabei harte Worte über das Rebellentum der Christen, das von Judäa ausgegangen sei, und braucht in diesem Zusammenhang die berühmte Formel „Odium generis humani", d. h. „Haß gegen das Menschengeschlecht", welcher eben jenen Andersgläubigen eigen wäre. Man ist längst zu der Ansicht gelangt, daß Tacitus an dieser Annalenstelle Christen und Israeliten verwechselt und daß das „odium generis humani" wesentlich auf letztere gemünzt sei, zumal da Tacitus in den langwierigen Freiheitskämpfen des jüdischen Volkes gegen Rom von seinem Standpunkt aus nichts als Akte des Rebellentums sieht, welche die mühsam befriedete Welt und Menschheit immer wieder von neuem in Krieg stürzen. Der zweite Israelbericht bei Tacitus steht im 4. Buch der „Historien" (Kap. 3 und 4) und handelt von den Kriegen unter Vespasian und Titus gegen das jüdische Volk. Hier flicht Tacitus, nach seiner Gewohnheit, ethnologische und geographische Anmerkungen in seine geschichtliche Darstellung ein und berichtet dabei u. a. eingehender über den Auszug aus Ägypten. Es heißt dort: „Nichts war (den Wüstenwanderern) so quälend wie der Wassermangel, und schon waren sie, dem Verschmachten nahe, überall niedergesunken, als (sie bemerkten, wie) ein Rudel weidender Wildesel auf eine bewaldete Felsgruppe zuwechselte. Moses, der 175