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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 168

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Marranengebete im Portugal des 20. Jahrhunderts
Date
1935-07-01
Page
168 (sequence 3)
Language
German
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Alice Berger Exklusivität ab. Durch den jahrhundertelangen Zwang nämlich, ihre Zeremonien bei geschlossenen Türen in größter Unauffälligkeit auszuüben, hat sich bei ihnen die Meinung gebildet, die Heimlichkeit sei ein unumgänglicher Bestandteil ihres Gottesdienstes. Die Gebete, die sie dabei sprechen, offenbaren zugleich die tiefinnerliche Frömmigkeit der Marranen und ihre poetische Begabung; einzelne Gebete sind sehr kunstvoll, die meisten aber sind schlicht, nicht immer ganz einwandfrei in Reim und Rhythmus, vielleicht auch, weil sie wie Volkslieder im Lauf der Jahrhunderte zersungen sind. Jedes Fest hat seine eigenen Gebete. Wenn man am Abend des Jörn Kippur nach dem Erscheinen des ersten Sternes das Fasten beendet, sagt man: Gesegnet sei mir meines Gottes Stern, Was ich erbitte, Herr, verleihst Du mir. Gesegnet sei der Stern, gesegnet seine Brüder, Gesegnet sei der Herr, er schenket sie uns wieder. Schon naht sich die Stunde, schon ist es vollbracht, Gelobt sei Gott der Herr, Vom Fasten erlöst mich die sinkende Nacht. Dieses Gebet wird dreimal gesprochen. Bevor man zu essen beginnt, teilt man ein Stück Brot in drei Bissen und betet: Gepriesen sei der Herr, der dich gemacht, Aus Erdenschöße dich hervorgebracht. Der Herr erschaffe in mir meine Seele So rein und klar wie du bist, ohne Fehle! Nacheinander kaut man die Bissen und wirft sie dann mit folgenden Worten ins Feuer: Nun will ich tun, wie's unsrer Brüder Art Im HeiFgen Land, das uns verheißen ward. Wenn man die drei Bissen Brot ins Feuer wirft, spricht man dreimal: Feuer Samuä, nimm es hin! Das Wort „Samuä" ist wahrscheinlich eine Verballhornung des hebräischen „Schema tefilla" „höre das Gebet", das auch am Anfang eines Pessachgebetes steht. Dieses Pessachgebet sagt man, bevor man das ungesäuerte Brot zu backen beginnt, dreimal und wirft ein Stück Teig ins Feuer: Samuä, nimm es hin! Zum Himmel steig' es, zur Erde es kehre, Daß es uns Sünder wieder ernähre. Gutes Wachstum der Herr dir gewähre! 168

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