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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 167

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Marranengebete im Portugal des 20. Jahrhunderts
Date
1935-07-01
Page
167 (sequence 2)
Language
German
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Alice Berger: Marranengebete im Portugal des 20. Jahrhunderts und an das Laubhüttenfest errinnert nur noch, daß die Woche nach Jörn Kippur für sie eine Festwoche ist. Die Untersuchungen des Inquisitionsgerichtes wurden ja mit so unerbittlicher Schärfe geführt, daß es genügte, am Sonnabend ein reines Hemd angezogen zu haben, um des Judaisierens für schuldig erklärt und entsetzlichen Strafen unterworfen zu werden. Trotzdem hat sich gerade der Sabbat bei ihnen erhalten. Sie feiern ihn freilich nicht ganz streng, und nur an den Sabbaten, die in die 30 Tage vor Pessach und Jörn Kippur fallen, herrscht völlige Arbeitsruhe. Am Freitagabend werden besondere Kerzen angezündet, die „torcidas rezadas", von geeigneten Personen unter ständigem Gebet hergestellt; man läßt sie niederbrennen, bis sie von selbst verlöschen. Am Sabbat essen die Marranen kein Fleisch, weil sie geschächtetes Fleisch nicht bekommen können und wenigstens am Feiertag nichts Unreines zu sich nehmen wollen. Außer Jörn Kippur und Pessach feiern sie noch „Fasten der Königin Esther", eine Art Reminiszenz an Purim, das sie nicht mehr kennen. Wie durch das Wirken der Inquisition viele jüdische Feste und Gebräuche verloren gegangen sind, so haben sich auch andererseits manche Einflüsse der katholischen Umgebung im Marranengottesdienst durchgesetzt; sie kennen z. B. ein Gebet an den Schutzengel Rafael und sagen das Paternoster; im Dezember feiern sie ein Fest „Natalinho", das eine Reminiszenz an Chanukkah, aber auch das Fest der Geburt Christi sein kann. Jedoch nicht die Veränderung oder Abschaffung einzelner Gebräuche ist es, die uns den Gottesdienst jener Marranen so fremdartig erscheinen läßt, daß wir ihn kaum mehr als jüdisch wiedererkennen, sondern die äußere Form dieses Gottesdienstes selbst. Sie versammeln sich zu bestimmten Zeiten im Hause eines der ihren und beten unter Leitung einer älteren Frau, die alle Gebete auswendig weiß, in portugiesischer Sprache. König Manuel hatte nämlich im Mai 1497 den Gebrauch hebräischer Gebetbücher untersagt. Das hatte die Übertragung der hebräischen Gebete ins Portugiesische zur Folge. Aber auch die portugiesischen Gebete wurden nur von Mund zu Mund tradiert, weil selbst der Besitz portugiesischer Gebetbücher jüdischen Inhalts gefährlich war. Die Marranen, die sich ihren Glauben unter so ungeheuren Gefahren bewahrt haben, ahnten bis vor kurzem überhaupt nichts von der Existenz einer hebräischen Sprache (obwohl in ihren Gebeten einzelne hebräische Worte vorkommen: die halten sie für lateinisch!). Sie heißen zwar im Volksmunde „judeos", aber sie wußten nicht, daß es noch sonstwo Juden auf der Welt gibt und kannten die Herkunft des Namens „Jude" nicht, den sie vom portugiesischen „a-judar" helfen ableiteten; sie glaubten, Juden zu heißen, weil sie einander helfen! Ihren Gottesdienst halten sie noch heute, wo ihnen doch freie Religionsübung gestattet ist und man sie allgemein als „Juden" kennt, in größter Heimlichkeit und 167

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