Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Marranengebete im Portugal des 20. Jahrhunderts
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 166 (sequence 1)
- Language
- German
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Alice Berger: Marranengebete im Portugal des 20. Jahrhunderts Man ist gewohnt, unter Marranen diejenigen zwangsgetauften spanisch-portugiesischen Juden und ihre Nachkommen zu verstehen, die sich nach ihrer Vertreibung oder Flucht aus dem Geburtslande in Italien, Holland, der Türkei und Nordafrika niedergelassen haben. Aber — so wunderbar es auch erscheint, wenn man das Ausmaß der Verfolgungen bedenkt, denen sie ausgesetzt waren — es leben noch heute Marranen in Spanien und Portugal selbst. Die spanischen Marranen freilich, die „chuetas", die sich nur noch auf den Balearen finden, sind — wenn auch erst nach Aushebung einer judaisierenden Gemeinde und strenger Bestrafung ihrer Mitglieder im 17. Jahrhundert — fromme Katholiken geworden, die portugiesischen Marranen jedoch sind ihrer alten Religion weitgehend treu geblieben. Über sie sind wir durch Samuel Schwarz unterrichtet, der, aus Polen stammend, lange Jahre in Portugal lebte, und dem es nach erheblichen Bemühungen gelang, sich Zutritt zu den Neuchristen-Gemeinden zu erwirken. Sein schönes Buch „Os Cristaos-Novos em Portugal no Seculo XX" (Lissabon 1925) enthält eine Fülle interessanter Mitteilungen und Dokumente über Geschichte und Gebräuche der Marranen. Der Gottesdienst dieser Marranen ist jüdischer Gottesdienst, der entsprechend den Erfordernissen des Zeitalters der Inquisition abgewandelt ist. So sind Feste, die einen großen äußeren Apparat beanspruchen, wie Sukkoth, ganz weggefallen, andere Feste verlegt worden, um die Spitzel der Inquisition irrezuführen. Die Neuerungen sind natürlich nicht mit einem Schlage eingeführt worden, sondern ganz allmählich ist den praktischen Erfahrungen entsprechend geändert oder weggelassen worden, was vor dem Inquisitionsgericht gefährlich werden konnte. Aus dem Protokoll eines Prozeßverhörs der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ersieht man, daß damals noch das Laubhüttenfest gefeiert wurde und Jörn Kippur noch nicht verschoben war. Die heutigen Marranen hingegen feiern Jörn Kippur am 11. Tischri. 166