Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Phänomenologie des jüdischen Geistes
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 164 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann deutung der Versuch, die innere Ordnung, den Logos dieser Erscheinungen (Phänomene) zu finden, ohne dadurch ihren Phänomencharakter zu zerstören. — Das klassische Beispiel einer solchen, gleichsam naiven Phänomenologie liefert Goethes Farbenlehre, insofern in ihr der erscheinungsmäßige Reichtum der Farbenwelt derartig angeordnet wird, daß die Farben nicht wie in der mathematischen Physik durch Übersetzung in Schwingungszahlen zerstört werden, sondern erhalten bleiben, geklärt werden zu reinen Phänomenen, um endlich in wenigen Urphänomenen ihre eigentliche Gestaltordnung zu finden. — Das Problem verändert pich, indem wir zur Geschichte übergehen, weil die geschichtlichen Erscheinungen nicht auf so einfache Weise gegeben sind wie die Farben. Was geschichtlich der Stufe der Färberscheinungen entspricht, das sind bedrucktes Papier, Inschriften, Verträge, Kunstwerke usw. Das hier auf den ersten Blick Gegebene, etwa das Schriftbild einer Inschrift, stellt nicht das geschichtliche Phänomen dar. Denn solange ich die Schrift nicht entziffern kann, ist mir die geschichtliche Erscheinung verschlossen. Alle wirklich geschichtlichen Erscheinungen leben in dieser Verborgenheit, und wenn Phänomenologie der Geschichte überhaupt einen Sinn hat, so diesen, einen Zugang zu diesem Verborgenen zu eröffnen. Geschichtliche Erscheinungen werden die genannten Gegebenheiten erst dadurch, daß sie etwas bedeuten, daß sie Ausdruck, Erscheinung, Darstellung, Zeichen von etwas sind. Wir können hier also nur deutend, auslegend, hermeneutisch vorgehen (gemäß der Methode der Auslegung, die sich in den europäischen Wissenschaften seit etwa 150 Jahren herausgebildet hat). Würden wir dieser Methode allein folgen, so gelangten wir damit nicht zu einer Phänomenologie, sondern zu einer Geschichte des Geistes. Aber die Geschichte zerlegt, zerstört, analysiert, denn sie will Beziehungen der Erscheinungen zu einander erkennen, um sie dadurch zu erklären und womöglich abzuleiten. Wir wollen die Erscheinungen nicht erklären, sondern klären, d.h. so verstehen, daß sie in ihrem Erscheinungscharakter bestehen bleiben, aber durchleuchtet werden. Wollen wir jedoch die geschichtlichen Erscheinungen klären, so müssen wir aufsteigen zu den anschaulich erfaßbaren Sinngestalten, Sinnbildern, die dem geschichtlichen Leben der Einzelgestalten wie der Gemeinschaften zugrundeliegen. Damit ist keiner willkürlich visionären Schau das Wort geredet, sondern im Gegenteil einer Phänomenologie des inneren Blickes. Das besagt, daß die erreichte Anschauung vom Begriffe durchdrungen werden muß und daß die aus der Durchdringung von Anschauung und Begriff erzeugte Idee sich dadurch auszuweisen, zu rechtfertigen hat, daß durch sie alle Einzelerscheinungen, die ihrelm Bereiche angehören, durchleuchtet, verstehbar werden. — Diese Methode aber ist deshalb anwendbar, weil im geschichtlichen 164