Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Phänomenologie des jüdischen Geistes
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 165 (sequence 7)
- Language
- German
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Phänomenologie des jüdischen Geistes Leben ebenso wie in der lebendigen Natur Kreise von Gebilden vorhanden sind, die von dem gleichen Strukturgesetz beherrscht werden. Die Idee aber drückt eben dieses Strukturgesetz aus, derart, daß es bald für ein Individuum, bald für einen Kreis, bald für den Menschen überhaupt gilt. Der Natur der Sache nach wird man beginnen mit Individuen, dann übergehen zu Kreisen, um endlich bei den Strukturgesetzen zu landen, die für den Menschen überhaupt gelten. Eine Phänomenologie der Geschichte ist aber deshalb unerläßlich und enthält daher ihre eigentümliche Prägnanz, daß alles, was für uns geschichtliche Erscheinung wird, selbst seine Stelle in einem Prozesse des Erscheinens hat. Denn was in der Geschichte wirklich, d. h. aus dem inneren Kern des geschichtlichen Geschehens und nicht aus äußeren Sphären der Natur heraus geschieht, das tritt aus dem Unsichtbaren in die Sichtbarkeit. Was der Mensch wirklich ist, das wissen wir nicht. Aber indem er uns begegnet, tritt etwas aus dem Reiche der Unsichtbarkeit in die Erscheinung. Ja mehr noch, der Mensch ist dadurch ausgezeichnet, daß im selben Momente, wo in ihm selbst, in seiner Gestalt, seinem Körper, {seiner Sprache usw. etwas in die Erscheinung tritt, er selbst, durch eben diese Sprache, durch seine Bewegung, seine Vorstellungen, seine Gedanken die Welt in seine Erscheinung verwandelt Man betrachte nur, was er im Laufe der Jahrtausende an Kunst geschaffen hat, um ein lebendiges Beispiel für die Art dieses Prozesses zu erhalten. So erst erhält die Phänomenologie des inneren Blickes ihren eigentlichen Gegenstand: was sie anschaulich zu erfassen und begrifflich zu durchdringen hat, ist der Akt, mit dem sei es ein einzelner Mensch, sei es eine Gruppe, sei es der Mensch schlechthin sich selbst und die Welt in Erscheinungen verwandelt. Damit präzisiert sich zugleich die Aufgabe einer Phänomenologie des jüdischen Geistes. Sie hat: 1. die spezifische Art zu erkennen, in der der jüdische Mensch sich selbst und die Welt in Erscheinung verwandelt; das schließt die Erkenntnis ein, wie er, aus der Ewigkeit kommend, in der Zeit auftaucht, und wie er, die Zeit überschreitend, die Welt der Ewigkeit zurückbringt, 2. aufsteigend vom Individuum zu Gruppen und zur Gesamtheit jeweils an diesem Akte das Strukturgesetz zu erfassen, durch das alle Taten, sei es des Einzelnen, sei es der Gruppe, sei es der Gesamtheit verständlich werden, 3. in diesem Wege das Werden des Selbstbewußtseins des jüdischen Volkes zu begreifen. Das Problem ist deutlich, das Ziel ist klar, beginnen wir mit dem Wege. (Wird fortgesetzt) 165