Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Phänomenologie des jüdischen Geistes
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 163 (sequence 5)
- Language
- German
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Phänomenologie des jüdischen Geistes Nicht also willkürliche Reflexion, sondern die Notwendigkeit des Lebens beflügelt den Schritt, von dem universalen Problem — die Fülle möglicher Phänomenologien des Geistes und eine jede von ihnen in ihrer Konkretheit zu entwickeln —, das als solches in seiner ganzen Bedeutung bestehen bleibt, überzugehen zum besonderen einer Phänomenologie des jüdischen Geistes. Wenn anders die Forderung nach einer Neubegründung der jüdischen Philosophie zu Recht besteht, so setzt das einen Rückgang auf die jüdischen Quellen und eine Bemächtigung der eigentlichen Phänomene des jüdischen Geistes voraus. Eine Phänomenologie des jüdischen Geistes wird erfordert: damit wir wissen, was der jüdische Geist sei, d. h. damit wir die innere Geschichte des jüdischen Menschen in den Jahrtausenden verstehen, damit die Welt oder wenigstens die Gebildeten unter den Verächtern des Judentums erfahren, was jüdischer Geist je und je gewesen, damit Zerrbilder ersetzt werden können durch ein wahres Bild, damit ein jeder in der Geschichte dieses Geistes eine mögliche und spezifische Realisationsform des Geistes überhaupt erkenne, damit der Jude in dem Verstehen seiner Vergangenheit den innersten Kern seines Wesens begreife, damit für eine jüdische Philosophie der Boden wiedergewonnen werde, von dem aus erneut philosophische Fragen zu stellen sind. Die Forderung als solche erscheint begründet. Aber was bedeutet sie? Ich muß den Leser bitten, seine Ungeduld, die sofortige Realisierung verlangt, zügeln zu wollen. Denn es geht nicht anders: wir müssen die ungeheure Spannung zwischen konkretester Einzelanschauung und (abstraktestem Begriff auf uns nehmen. Anschauungen sind herrlich, aber so lange sie nicht von der Schärfe des Begriffes durchdrungen sind, sind sie nichts wert. Wir müssen darum unsere Fragestellung zur letztmöglichen begrifflichen Klarheit bringen, um uns später unter sicherer methodischer Leitung in den angenehmeren Feldern geschichtlicher Analyse bewegen zu können. Indem wir die Frage: „Was bedeutet Phänomenologie des jüdischen Geistes?" wiederholen, überschreiten wir damit nicht nur den Hegeischen Begriff, sondern alles, was in der Geschichte bislang ausdrücklich oder nichtausdrücklich als Phänomenologie aufgetreten ist. Wir entwickeln den Begriff Phänomenologie auf die einfachste Weise. Sie ist ihrem Wortsinne nach Lehre von der Erscheinung. Das, was dem Menschen zunächst gegeben ist, ist nichts anderes als Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Tast-Erscheinung usw.; z. B. das Bild einer fliegenden Meise, das Geräusch einer Mähmaschine, der Geruch einer Rose. Phänomenologie ist in ihrer einfachsten Be- 163