Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Phänomenologie des jüdischen Geistes
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 162 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann steine, kurz alle Erscheinungsformen der geschichtlichen Welt gebildet haben. Strecken der griechischen Kultur, der Renaissance, des Rokoko ließen sich sehr wohl auf solche Weise begreifen. Wiederum ändert sich der Schauplatz. Ich sehe vor mir eine Geschichte sich aufbauen, in der das Grundgeschehen nicht das Suchen des Menschen nach der Wahrheit, nicht schaffende Arbeit oder Handeln, nicht ästhetisches Sein oder künstlerisches Geschehen, sondern ein viertes Prinzip ist. Aber während sich vor meinen Augen dieses Bild gestaltet, vollzieht sich auf einmal der Übergang vom Bereiche der Möglichkeit zur Wirklichkeit. Ich sehe den Zug Israels durch die Jahrtausende. Eine Fülle von Händen Unerlöster reckt sich mir entgegen, von Unerlösten, an denen die Geschichte reich ist. Denn fast immer ist der Tod ein Versinken in die Unerlöstheit, aus der nur eine dem Toten transzendente Macht ihn erlösen kann. Nicht danach sehnen sich die geschichtlichen Gestalten, daß man nur von ihnen weiß, daß sich die Gelehrten über die Auslegung ihrer Sätze oder die Herkunft ihrer Lehren streiten, daß man ihrer Geburtstage in schnell vergessenen Festreden gedenkt. Erlöst können sie nur werden, wenn man sie von dem Schutt befreit, den die Nachlässigkeit der Jahrtausende oder die rechthaberische Eifersüchtelei der Gelehrten über ihnen angehäuft hat, wenn die tausend Nebensachen verschwinden. Erst dann kommt ihr zentrales Geschehen, ihre Urhandlung zum Vorschein, durch die sie über die Zeit hinauswachsend die Richtung auf die Ewigkeit fanden. Erst damit wird das Wort frei, das sie in den Strom der Zeit hineinwarfen, das infolge seiner Schwere in die Tiefe sank, das nunmehr wieder aufsteigt, um als lebendiger Keim sich aufs neue in die Seelen zu senken. — Erlöst werden will zugleich die Totalität des Geistes, die diese Gestaltenfülle zusammenhält, der jüdische Geist in der Geschichte. Weshalb gibt es noch keine jüdische Geistesgeschichte? Und hören wir falsch oder vernehmen wir nicht leise Stimmen unerlöster lebender Seelen, herumirrend in Räumen, die sie eben noch für ihre Heimat hielten, und nun mit Bitternis erkennend, daß diese Heimat nicht ihre Heimat ist, Stimmen, die zurückverlangen nach dem Ursprung, aus dem sie stammen? Wo aber könnte die wahre Heimat einer Gemeinschaft sein, der nie der Boden gehörte, nie der Boden geschenkt war, weder vom Herrn, der für sich selbst den Boden behielt, noch von den Völkern, bei denen sie nach der Zerstörung des Heiligtums wohnten; wo könnte ihre Heimat sein als in dem unsichtbaren Reiche der Zeit, das die Geschlechterketten vereinigt zu einem Reiche? Beides aber ist eins: Erlösung des Vergangenen geschieht durch das Gegenwärtige und die des Gegenwärtigen durch das Gewesene; nur durch die Erlösung des Anderen, das es selbst ist, kann sich das Selbst erlösen. 162