Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Phänomenologie des jüdischen Geistes
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 161 (sequence 3)
- Language
- German
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Phänomenologie des jüdischen Geistes das Bewußtsein der Urstrahl der Wahrheit in einzelne Farben zerlegt, die nach der Zerlegung durch Disharmonie zur Harmonie zurückstreben. Nicht Hegel selbst (geschweige denn Fragen seiner Auslegung) interessiert uns hier, sondern das exemplarische Beispiel, das er gibt und die Möglichkeiten, die er erschließt. Denn jede aus einem Zentrum erfolgende Verwirklichung eröffnet einen Kosmos von Möglichkeiten. Und so lassen wir denn Hegel hinter uns und wenden uns diesen Möglichkeiten zu. Ich sehe vor mir eine Phänomenologie des menschlichen Geistes, der nicht in erster Linie erkennender ist und dessen Akte nicht auf die Wahrheit bezogen sind, sondern dessen Hauptkraft das Handeln selbst darstellt und dessen weitere Akte sich als Erscheinungsformen der Handlung enthüllen. Eine Fülle von handelnden Gestalten, Politikern, Imperatoren, Tyrannen, Feldherren, Gesetzgebern und Juristen, Erziehern, Künstlern, von handelnden Gruppen, Horden, Ständen, Klassen, Arbeitsverbänden, wirtschaftlichen Organisationen, von Institutionen des Staates, des Rechts, der Gesellschaft, der Wirtschaft, in denen allen sich diese Tätigkeit ihre Erscheinungsformen verschafft und die ihrerseits nur Abwandlungen eines einzigen Grundgesetzes repräsentieren, entsteigt dem Dunkel. Es würde so eine Phänomenologie des praktischen Geistes entstehen, ein tiefes Hinableuchten in die Möglichkeiten, Hauptformen und in die neuartige Dialektik dieses Geistes und zugleich ein Einblick in die Tiefe des tatsächlichen Geschehens selbst, das überall Handeln ist und das in den Jahrtausenden sich in immer neuen Formen zu entfalten genug Gelegenheit hatte. Eine solche Phänomenologie wäre reich und vieldimensional. Denn in diesem Reiche wäre keineswegs die Idee des Guten als ethisches Prinzip Alleinherrscher, sondern diese könnte nur als analogische Einheit diese Welt organisieren, d. h. als solche, die in verschiedenen Bezirken Verschiedenes bedeutet, bald als das Nützliche, bald als das Angenehme, bald als Macht auftritt. Eine solche Phänomenologie ist mehr als bloße Idee, in der Geistesgeschichte der Römer und Engländer findet sie ihre Verwirklichung. Das Bild wechselt. Eine Geschichte des Geistes gewinnt Form vor unseren Augen, in der alle Gestalten, Einzelwesen, Gemeinschaften, Institutionen nur Erscheinungsformen der Idee des Schönen sind. Wo eben noch brutale Instinkte, grausame Taten und berechnete Handlungen sich breit machten, da erscheinen jetzt künstlerische Formen. Eine ästhetische Kultur entsteht. Die Weltgeschichte artikuliert sich nunmehr nach Stilen. Barock etwa bedeutet hier nicht nur die Einheit von künstlerischen Gebilden, sondern zeigt das innere Gesetz an, nach dem sich innerhalb eines Zeitalters Menschen, Staaten, politische und wirtschaftliche Sy- 161