Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 159 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann: Phänomenologie des jüdischen Geistes Eine Aufgabe judischer Philosophie „Jedes neue Verhältnis, das an den Tag kommt, jede neue Behandlungsart, selbst das Unzulängliche, selbst der Irrtum, ist brauchbar oder aufregend und für die Zukunft nicht verloren." Goethe. Gesetzt den Fall, es wäre heute jemand gezwungen, Deutschland zu verlassen, und die notwendige Beschränkung zwänge ihn, nur zwölf der bedeutendsten philosophischen Bücher dieses Landes mitzunehmen, so dürfte unter ihnen Hegels „Phänomenologie des Geistes" nicht fehlen. Denn unter den klassischen Werken deutscher Philosophie vereinigt kaum eines wie dieses jugendfrische Leidenschaft des Denkens, Substanzfülle, gleichzeitige Durchdringung der Inhalte der Seele, des Seins und der Totalität der europäischen Geistesgeschichte, alles bezwungen von einer Methode, alles von der Kraft des Begriffes durchdrungen, alles vereinigt in einer einzigen genialen Konzeption. Unmöglich, die Fülle der Aspekte auch nur anzudeuten, die dieses schwierige Werk darbietet: sein strotzender Reichtum sprengt alle Versuche schematischer Systematisierungen. Nur der Grundgedanke darf uns interessieren: den Geist in seinen Erscheinungsformen, den Geist in dem Prozeß der Akte, in denen er sowohl im Einzelwesen wie (Fortsetzung von Seite 158) jüdischen Liberalismus als Pseudomorphose zwischen jüdischer Aufklärung, in der das Renaissancepathos des Zionismus schon keimhaft mit enthalten ist, und originärer jüdischer Reformationsbewegung ausweisen kann. Es steht dort, wo es die Welt der Gemeindeliberalen — mag die Situation in manchen Provinzgemeinden besser sein als in Berlin — als nicht mehr verschieden von der Berliner Reformgemeinde und die Reformgemeinde als Aufklärungskirche oder als einzigartige lutherische Judensekte erkennt. Damit ist ein Arbeitsprogramm ausgesprochen, das noch durchzuführen ist. Durchfuhren kann diese Arbeit das religiösliberale Judentum, das sich der Führung der Gemeindeliberalen entzieht und sich unter die Führung der im liberalen Rabbiner- 159