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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 158

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft
Date
1935-07-01
Page
158 (sequence 11)
Language
German
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I.Maybaum: Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaf t Beharren. Aber gegenüber manchen, die aus Überstürztheit und Schwäche ihre Entschlüsse faßten, ist man auch versucht, zu diesem bloßen Beharren nicht minder aufzurufen. Das Beharren ist eine sehr irdische Sache. Aber der Glaube, der vor Pessimismus und überstürzten Entscheidungen bewahrt, ist es, der solches Beharren ermöglicht. Gegen alle Hoffnungslosigkeit, gegen alle Zeitangst, gegen alle, die von der Zwangsläufigkeit der Situation sprechen, sei hingewiesen auf das Wort von Rabbi Elieser ben Jakob über Gott, „der die Hügel überspringt". Rabbi Elieser ben Jakob wandte sich damit gegen die, „die das Ende berechneten". Sein Wort „Gott schaut nicht auf eure Berechnungen" richtet sich heute gegen alle, die aus dem schon als Faktum angenommenen „Untergang des deutschen Judentums" mit pseudomessianischer Geschäftigkeit dem Zionismus zu nützen glauben. Wenn alle deutschen Juden Deutschland verlassen müßten, so wäre das Ende der jüdischen Geschichte des deutschen Judentums Ende einer Geschichte, in der Gott auf unserm Weg vom Abfall zur Umkehr mit uns war. Vor der Umkehr sterben zu müssen, ist ein bitteres Geschick. Und das deutsche Judentum hat den Zeitabschnitt, den Franz Rosenzweig einleitete, noch nicht durchleben können. Im deutschen Judentum hat das religiös-liberale Judentum vor der zionistischen Gruppe eines voraus: es ist zusammengebrochen. Daß es zusammengebrochen ist, wissen alle. Nur die Gemeindeliberalen wissen es nicht. Sie haltensich für berechtigt, ihre alten Formeln weiter vorzutragen, weil die Nichtbeachtung, mit der man ihnen begegnet, leider auch dazu geführt hat, sie in ihren alten Ämtern zu lassen. Das religiös-liberale Judentum ist unausweichlich vor die Notwendigkeit gestellt, von Grund auf seine Situation neu zu durchdenken. Das ist eine große Chance. Dagegen bedeutet die Illusion des deutschen Zionismus, aus der Konstellation des 19. Jahrhunderts als Sieger hervorgegangen zu sein, eine große Gefahr. Der Sieger neigt dazu, auf ein Stück Vergangenheit, in dem er recht gehabt hat, immer wieder hinzuweisen. So widerstrebt er dem Fluß der Geschichte, die ganz neue Situationen gebiert, und verhaftet sich einer nur noch historischen, aber nicht mehr aktuellen Situation. Der Assimilationsvorwurf, mit dem der Zionismus gegen das liberale Glaubensjudentum angekämpft hat, ist heute in der Agitationsrede des Zionisten allmählich eine Blasphemie. Das zionistische Gesinnungsjudentum hat sich an den säkularen Idealismus der abendländischen Völkerwelt nicht minder assimiliert, als früher das religiös-liberale Judentum Deutschlands sich an das paulinische Christentum, als das religiös-liberale Judentum Englands und Amerikas sich an das petrinische Christentum assimilierte. Mag das englisch-amerikanische Judentum noch mitten in diesem Assimilationsprozeß stehen, das religiös-liberale Judentum Deutschlands steht wo anders. Es steht dort, wo es den 158

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