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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 151

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft
Date
1935-07-01
Page
151 (sequence 4)
Language
German
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Das Ringen des deutsehen Judentums um jüdische Gemeinschaft Paulus seinen Glauben von der jüdischen Geschichte lostrennte, hat sich hier wiederholt. Ein jüdischer Glaube, der sich von der Bindung an das jüdische Volk loslöst, ist ein juden christlich er Glaube. Man glaube es wirklich, was die alten Jüdisch-liberalen heute immer wieder betonen, daß sie mit dem politischen Liberalismus nichts zu tun haben. Man glaube ihnen, wenn sie auf ihren Glauben weisen. Sie haben Glauben. Aber keinen jüdischen. „Nur" aus dem Glauben, sola fide, rechtfertigen sie sich. Sie sind vielleicht die konsequentesten Lutheraner in Deutschland, denn das deutsche Luthertum enthält ja das ganze Korrektiv des westlichen Christentums, des petrinischen, in sich, das die Verantwortung gegenüber der Geschichte mit dem Glauben verbindet. Die offiziellen Repräsentanten des Liberalismus, die sogenannten Gemeindeliberalen, haben dem Judentum durchaus in dieser den Glauben allein festhaltenden, von der Verantwortung um jüdische Existenz abrückenden Verneinung des jüdischen Volkes und seiner Geschichte gegenübergestanden. Es ist falsch, dieses sektiererische jüdische Luthertum nur in der um die Berliner Reformgemeinde sich gruppierenden Schicht zu sehen. Der Gegensatz zwischen der Reformgemeinde und den Gemeindeliberalen war in den letzten Jahren kaum noch sichtbar. Liberales Judentum, dessen Liberalismus wirklich das ist, was man in der europäischen Geistesgeschichte so nennt, repräsentiert die durch den Zionismus zusammengefaßte Gruppe des deutschen Judentums. Der völkische Liberalismus des Judentums im Zionismus des 19. Jahrhunderts versteht das jüdische Volk ebenso autonom und seine wirkliche Geschichte in ebenso willkürlicher Auswahl, wie der Individualliberalismus den Einzelnen gesehen hat. Der moderne Nationbegriff ist nur im liberalen Denkraum konzipierbar. Da „Staatsnation" ein für das Judentum nicht verwendbarer Begriff bleibt, kann es nur die Idee der Kulturnation sein, die der nichtrevisionistische Herzl-Zionismus meint. Die Kultur als selbständiger Raum existiert erst nach der liberalen Preisgabe der Totalität, mit der der Glaube das gesamte Leben beherrschen will. Der Zionismus respektiert in Palästina das voremanzipatorische Rabbinat, obwohl kein Zionist dessen Autorität erleben kann. Dieser Respekt ist nicht religiöse, sondern politische Haltung oder auch das, was den Anhänger der Folklore charakterisiert, der die Trachten eines abseits lebenden Gebirgsvolkes gern und unter Opfern bewahrt wissen will. Es ist ein Liberalismus mit schlechtem Gewissen, den der Zionismus in seiner Mitte besitzt, verdeckt und verdrängt. Es ist ein Jammer, wenn man heute mit ansehen muß, wie Menschen, die nicht die geringste Legitimation dazu besitzen, dem Zionismus mit religiösen Argumenten entgegentreten. Aber der Zionismus, der über die religiösen Voraussetzungen und Konsequenzen seines Weges nicht nachgedacht hat, ist selbst an 151

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