Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 150 (sequence 3)
- Language
- German
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Ignaz Maybaum und Pessimismus nichts zu tun. Jedenfalls ist die Existenz des deutschen Judentums noch immer eine Tatsache, der gegenüber jeder in sittlicher Verantwortung und gedanklicher Überprüfung Stellung zu nehmen hat. Denn ein neunter Ab ist dem deutschen Judentum erspart geblieben. Außer der Katastrophe, die zum parteibefreitem Judentum führt, weiß die jüdische Geschichtsbetrachtung noch um die Möglichkeit der Zeitwende. Die Zeitwende macht die geschichtlichen Differenzierungen, die gestern gültig und brauchbar waren, ungültig und unbrauchbar. Neue Differenzierung wird nötig, denn die Zeitwende führt in einen neuen Geschichtsabschnitt. Jeder, der mit denselben Begriffen, mit denen er gestern noch das Leben meisterte, auch die neue Gegenwart zu verstehen und zu gestalten hofft, muß hier scheitern. Und sehr viele scheitern. Denn die Zeitwende ist kein feststellbares Datum. Duch widerstrebt es der Trägheit, aus dem gewohnten Geleise herauszutreten und neue Wege zu suchen. Daß solche Zeitwende eingetreten ist und die Parteien vor eine neue Situation stellt, darüber ist kein Zweifel. Ein parteibefreites Judentum ist mitten im geschichtlichen Leben mit der Fülle seiner Differenzierungen, Standpunkte und Gruppen dort, wo die jüdische Gemeinschaft als Gebets- und Glaubensgemeinschaft versammelt ist oder als Schicksalsgemeinschaft alle parteimäßige Sonderung ausschaltet. In der betenden Gemeinschaft vor allem ist die parteibefreite Haltung phrasenlos Wahrheit. Da die jüdische Gemeinschaft aber ihren Platz in der Welt nicht aufgibt, nicht durch die Flucht aus der Geschichte eine tote Einheit wählt, bleibt eine Differenzierung, die verschiedene Gruppen schafft, der Preis unserer Anteilnahme an der Geschichte. Auch die Zeitwende schafft nicht auf die Weise parteibefreites Judentum, daß sie die Parteien verschwinden läßt. Die Liquidation der alten Parteien, die nicht von selbst eintritt, sondern der Erfolg einer geistigen Leistung ist, bleibt uns nicht erspart, auch wenn eine neue Geschichtssituation da ist. Parteibefreites Judentum ist dann geschichtsloses Judentum, wenn man, ohne die Parteiung in Wahrheit schöpferisch überwunden zu haben, die Einheit propagiert. Diese Einheit kann von denen, die in Wahrheit immer noch in den Begriffen ihrer alten Parteien denken, nur durch ein Paktieren erreicht werden, das eine wirklich neue geschichtliche Situation nie zustande bringen kann. Zur Erkenntnis unserer geschichtlichen Lage und zur Ermöglichung ressentimentfreien Zusammenarbeitens ist einVerständnis der Parteien des modernen Judentums notwendig. Wovon die heutige Generation überhaupt keine klare Vorstellung besitzt, ist das religiösliberale Judentum. Es ist, in theologischer Begriffsbestimmung, tatsächlich eine judenchristliche Gruppe. Denn der Schnitt, mit dem ISO