Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Das Fragment und die Engel
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 139 (sequence 3)
- Language
- German
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nicht, daß „Engel" tatsächlich eine Vorstellung war, nicht bloß ein Wort. Es folgen (zeitlich) verschiedene Auszüge aus den Kirchenvätern und christlichen Autoren, von Augustinus, Gregorius, Isidoras, Beda, eine besonders bemerkenswerte Äußerung des heiligen Hieronymus, wonach auch die Engel wandelbar seien vom Guten zum Bösen, dazu ein Wort des Origines aus den Homilien, daß selbst die guten Engel täglich sündigen, und endlich, bezeichnenderweise ohne Quellenangabe, als „Apostelwort": „Die Frauen sollen verschleiert beten, wegen der Engel." Über diese Andeutung von Beziehungsmöglichkeiten zwischen Engeln und Menschen kam unser Autor zu keinem Ende des Nachdenkens. Denn nachdem er erst zur Erwägung solcher Möglichkeiten gekommen war, wurden sie ihm aus zahlreichen Äußerungen frühkirch- Hcher Schriftsteller wie auch im Midrasch und Talmud gewissermaßen bestätigt, und je tiefer er in die Verwirrbarkeit der Engel eindrang, um so tiefer wurde auch seine eigene Verwirrung; es war ihm ja durchaus nicht darum zutun, für eine bedeutende und großartige Menschheitsvorstellung nur eine billige und kleinlich materialistische Erklärung zu gewinnen. Er wollte sich freilich auch nicht mit kindlichem Aberglauben begnügen, eben weil er, wie gesagt, ein gläubiger und nachdenklicher Mann war. Wir finden nun ein offenbar sehr erregt niedergeschriebenes Zitat folgenden Wortlauts: „Freilich: der Habitus auch noch des Frühquartären (postnoachitischen, proselenitischen) Menschen ist — am recenten Europäer gemessen — ausgesprochen tierhaft. In jenem Zeitalter herrschen ,affenschaffende Zeitcharaktere' vor. — Diese Halbmenschen, diese letzten Ur-homos, die Überbleibsel einer verschollenen, ausgestorbenen Welt, fristen am Ende ihrer entwicklungsgeschichtlichen Laufbahn ihr Leben als ,Tempeltiere*. Man handelt sie auf den großen Sklavenmärkten. Sie werden in Käfigen und unterirdischen Ställen gezüchtet. . . Die verhätschelten Lieblinge der Männer und Frauen... eine tierpäderastische Seuche verpestet das Altertum, erst das Christentum macht dem Spuk ein Ende." Es gelang uns festzustellen, daß dies Zitat einem Werk „Verschollene Kulturen" von Eugen Georg entstammt; was die „Ur-homos" betrifft, so weist Georg nach, daß die antiken Literaturen voll von Andeutungen jener „Seuche" sind, deren Objekte man allerdings nicht deutlich zu bezeichnen wagte; man verständigte sich mit dem Deckwort „Engel". Ferner erscheint es unzweifelhaft, daß diese Menschenart zwar geringere rationale Fähigkeiten entwickelt hat als der „homo sapiens", aber größere sensuale, daher sexuale und magische. Die vorletzte der uns vorliegenden Äußerungen enthält nur die Titel der vier Bücher des Kapitelherrn des Zisterzienser-Ordens Jörg Lanz-Liebenfels, der alles Material über die „Menschentiere" gesammelt hat. Die letzte Aufzeichnung zeigt uns den Dichter, wie er in seiner Verzweiflung darüber, daß er sein Problem nicht lösen kann — die Theorie von den Menschentieren ist ihm ja schließlich nicht klarer, nicht lösender, nur verwirrender als die Vorstellung von Engeln mit Flügeln 139