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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 138

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Das Fragment und die Engel
Date
1935-06-01
Page
138 (sequence 2)
Language
German
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Offenbar hatte der Verfasser schon gewisse Schwierigkeiten, als er den Neid der Sodomiter auf den Engelsbesuch bei Lot etwa aus der Sündhaftigkeit der Stadt glaubhaft zu erklären suchte; jedenfalls muß er von Anfang an diese Absicht gehabt haben. Er arbeitete zunächst trotzdem weiter, um den Untergang der Sünderstädte im Pech- und Schwefelhagel und Lot mit Weib und Töchtern auf der Flucht zu schildern. Die Erstarrung der Frau Lot, der personifizierten Neugier, zu einer Salzsäule war als effektvoller Abschluß vorgesehen. Der nächste Akt sollte in der seltsamsten aller Stimmungen beginnen, die unsere Erde je erlebt hat: wie Lot und seine Töchter allein in der Höhle sind, wie diese beiden nicht mehr ganz jungen Mädchen aus Weltuntergangsfurcht, aus der Gewißheit heraus, allein von allen Menschen auf Erden übrig geblieben zu sein, und aus der maßlosen Angst, die Letzten zu bleiben, aus Angst um die Menschheit als Gattung, — ihren Vater berauschen ... So weit war der Autor allerdings nur im Entwurf gekommen. Inzwischen waren Hindernisse eingetreten, und aus den Aufzeichnungen erfahren wir einiges darüber. Vor allem, daß der Dichter in einen ungewöhnlichen Zustand geraten war und kein Geräusch mehr ertragen konnte als Musik. „Ich bade in Musik", heißt es in seinem Tagebuch, und seine Hinterbliebenen bestätigen, daß er damals fast jeden Abend ein Symphoniekonzert besuchte. Einmal notiert er folgende Vision: „Der Dirigent tritt ab, und ein Engel kommt an seine Stelle. Das Podium, der ganze Rang ringsum füllt sich) plötzlich mit Engeln. Sie hängen, sie kleben, sie schweben oben am Stuck. Sie haben Instrumente in den Händen. Sie spielen, sie singen, sie beginnen ein Konzert mit so machtvoller, so magischer Schönheit, mit einer so berauschend maßvollen Überseligkeit und Überschwänglichkeit, mit solchen Meeren aus schluchzenden Melodien und jauchzenden Harmonien ..." Hier bricht die Vision ab. Auf der Rückseite des Blattes findet sich das Wort „Mozart" durchgestrichen, dahinter, nicht zu Ende geschrieben: „Beetho —" Die Schwierigkeit, die unseren Autor hinderte, sein Werk zu vollenden, ist wahrscheinlich die Frage gewesen, wie die Engel auf der Bühne dargestellt werden sollten. Sie mußten für den Zuschauer sichtbar sein, da sie ja auch für die handelnden Personen der biblischen Geschichte sichtbar sind. Und daß sie etwa Flügel trügen, das war ohne weiteres von der Hand zu weisen, da sie dann ja sofort als Nichtmenschen erkannt worden wären. Aber worin konnten sie sich von den Menschen unterscheiden? Unser Dichter begann alles zu durchforschen, was über Engel geschrieben worden ist, besonders) von Schriftstellern der Antike. Die Folge war, daß er immer ratloser wurde. Daß es keine Engel gäbe oder gegeben habe, war für ihn nicht diskutabel. Anders läßt sich jedenfalls die folgende Aufzeichnung in diesem Zusammenhang nicht deuten: „Die Menschen haben nie etwas erfunden, nur entdeckt, nur benannt." Gewiß war ihm die Vorstellung „Engel" zu kühn, um ein Produkt nur menschlicher Gehirnmasse zu sein, und er zweifelte 138

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