Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Das Fragment und die Engel
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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usw. —, einen geradezu grotesken Einfall notiert: „In der Szene, wo Lot die Engel empfängt, lasse ich ä la Pirandello den Herrn Gelehrten (welchen, ist nicht angegeben) auf die Bühne klettern und erklären, daß alles bisher Gespielte wissenschaftlich unhaltbar und was eigentlich Wissenschaft ist und was ,Engel' sind, und dann lasse ich das. ganze Stück noch einmal von vorn anfangen, mit richtigen ,Engelnf more sodomitico —" Damit brechen die Aufzeichnungen ab. Leo Hirsch Schnabels „Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert' Fünfzig Jahre sind vergangen, seit Heinrich von Treitschke das erste große Gesamtbild der deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert gab. Von der Historikergeneration, die auf ihn folgte, besaß keiner Lust und Kraft zu einer neuen zusammenfassenden Schilderung jenes Zeitalters; man erkannte wohl deutlich die Schwächen und Einseitigkeiten von Treitschkes Werk, stand aber noch unter dem Eindruck seiner glanzvollen Darstellungskunst, der man sich nicht recht gewachsen fühlte. Nun hat einer der jüngeren Historiker, der Karlsruher Ordinarius Franz Schnabel, sich doch daran gewagt, Treitschkes subjektive Geschichtserzählung durch eine weniger geniale, dafür aber ausgeglichenere Leistung zu berichtigen und zu ergänzen. Schnabel, von dessen „Deutscher Geschichte im 19. Jahrhundert" (Verlag Herder & Co., Freiburg i. B.) jetzt bereits drei stattliche Bände vorliegen, ist für seine Aufgabe wohlgerüstet: er besitzt als Spezialforscher und als Darsteller einen vorzüglichen Ruf; beispielsweise zählte sein Buch über den Freiherrn vom Stein zu den erlesensten Gaben des Gedenkjahres 1931. Sein Ausgangspunkt ist natürlich ein ganz anderer als der seines berühmten Vorgängers. Wogte in Treitschke noch die Leidenschaft des Mitkämpfers am deutschen Einigungswerk, so sieht der Historiker von heute nicht nur die Reichsgründung, sondern das ganze bürgerliche Jahrhundert als eine abgeschlossene Epoche an, die er mit vollendeter Sachlichkeit durchleuchten und beurteilen kann. Viele der Fragen, an denen sich Treitschkes Temperament entzündete, bewegen ihn nicht mehr; so sind die Gewichte in der Darstellung jetzt ganz anders verteilt. Schnabels wissenschaftlicher Horizont ist natürlich weiter, als der eines politischen Historikers der Bismarckzeit sein konnte; ihm kommen die großen Fortschritte namentlich der geistesgeschichtlichen Forschung zustatten, die er sorgsam ausgewertet hat. Aber nicht nur die Methode, auch die Grundeinstellung Schnabels weicht von der Treitschkes ab: war dieser der Herold des norddeutschprotestantischen Kaisertums der Hohenzollern, so ist jener ein südwestdeutscher Katholik, der die Eigenart der Rheinbundstaaten und die Persönlichkeit Metternichs vorurteilslos zu würdigen vermag. Im Vorwort zum 4. Band seines Werks hatte Treitschke stolz bekannt: „Ich schreibe für Deutsche"; Schnabel ist 140