Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Das Fragment und die Engel
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 137 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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sinnlicbungsmöglichkeit aller dynamischen Stufungen in jener von Glaubens- und Machtkämpfen bewegten Zeit. Aber überzeugend bekehrt uns der Dichter durch eine von leidenschaftlicher Sprachkraft durchglühte und dennoch vom Streben nach beiderseitiger Gerechtigkeit beherrschte Darstellung. In der Galerie geistiger Porträts, die wir der malenden und dunkle Schicksalswege vielfarbig beleuchtenden Künstlerschaft Stefan Zweigs verdanken, beanspruchten andere Bildnisse kaum so zahlreiche Vorarbeiten, wie die von der Parteien Haß und Gunst verzerrten oder veredelten Züge der beiden Königinnen, deren Zwist um die Anerkennung von Thronrechten erst durch die Ideen- und Glaubenskämpfe einer schwerterdurchklirrten und harfendurchklungenen Zeit Weltbedeutung gewann. Die Unzuverlässigkeit fast aller Berichte aus jenen Tagen durch die politisch-religiöse Parteilichkeit ihrer Verfasser, das Fehlen wichtiger Dokumente und die vieldeutigen Auslegungsmöglichkeiten mancher diplomatischen Handlungsweise Elisabeths zwangen den Dichter zu äußerster Vorsicht und zu einem geistigen Schiedsrichteramt, in dem er sich durch die gründliche Erwägung eines jeden Für und Wider und durch Verständnis für zwei so entgegengesetzte Charaktere wie Maria und Elisabeth als meisterhafter Seelenkenner bewährt. In den Gestalten Elisabeth und Maria befehden sich ja grundsätzlich Hirn und Herz. Es bleibt die erschütternde Tragödie der stolzen Stuarttochter, daß sie durch die Verstrickung ihrer Gefühle in die Abenteuer der Liebe immer stärker — bis zur Begünstigung des Mordes an ihrem ersten Gatten — einer ungehemmten Besinnungslosigkeit ausgeliefert wurde. Und seitdem ihr Herz durch Verrat fast tödlich betroffen worden war, fürchtete sie nicht mehr das Beil des Henkers. Welche Fülle von Figuren, heimlichen und öffentlichen Kämpfen auf der Bühne einer Zeit voll Dämonie, brutaler Wildheit, grausiger Härte und zugleich höfischem Kulturglanz, und welch außerordentliche Darstellungskraft! Arthur Silbergl.eit Das Fragment und die Engel In der Hinterlassenschaft eines nicht unbekannt gewesenen Mannes, der seinen Namen zu nennen verbot, fand sich ein Drama oder vielmehr der Entwurf dazu: neben mehreren bereits vollendeten Akten auch eine Fülle von Aufzeichnungen und Anmerkungen zu den noch fehlenden Szenen, die sich fast durchweg auf die Schwierigkeit beziehen, an der das Ganze schüeßlich scheitern sollte. Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß betont werden, daß der Stoff zu diesem Drama weder aus Haß gegen noch aus Eifer für eine Religion der Bibel entnommen worden ist; der Autor war religiös, nur nicht dogmatisch noch frömmlerisch. Er hatte außer der dramatischen keine Absicht, als er zum Vorwurf seines Stückes die Geschichte Lots wählte. Er folgte mit seiner Dramatisierung in fast sklavischer Treue dem großen Vorbild. 137