Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 129

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Die neue Berliner Bibel
Date
1935-06-01
Page
129 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895543-2905027--08030-2905086
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die neue Berliner Bibel herübergenommenen Erzählungen, Liedern, Gebeten, Sprüchen ist durch die Tradition eingeebnet, „vergeistigt", versymbolisiert und theologisiert. Daher die fast unüberwindliche Schwierigkeit, wieder sichtbar gemachte Sprachdenkmäler einer vorliterarischen Stufe des Alten Testaments, oft kleinste Redeformen, Anekdoten, Tier¬ und Pflanzenfabeln, Stammes- und Volkssagen in die Sprechweise und damit in die Gedankenwelt des Neuhochdeutschen zu transponieren. Häufig war mit solchen noch erkennbaren Redeteilen (z. B. Brunnenlied, Klagegesänge) Tanz und Musik verbunden. Jene Umdeutung durch die Tradition hat einmal Ludwig Köhler, der Züricher Theologe, in einer Rektoratsrede über alttestamentliche Wortforschung (1930) folgendermaßen beschrieben: „. . . . Nun aber wird dieses Alte Testament schon zwei, drei Jahrhunderte vor Christus gelesen in der Stadt, in der Synagoge, in der Studiere stube, im Ghetto des Geistes, von Stubenhockern und Gelehrten, die genau so weltfremd sind wie der heutige Normalgelehrte, denen jede Pflanze soviel ist wie die andere, die kein Tier mehr vom andern unterscheiden können, die das auch gar nicht wollen, denen alles, schlechthin alles nur eben soviel Wert hat, als es sich geistig, besser gesagt geistlich deuten und beziehen läßt, denen sinnenhafte Anschauung und Deutlichkeit nicht Reichtum, sondern Verweltlichung bedeutet, und die, das ist das Arge daran, kein Bedenken tragen, gewalttätig, wie die Vertreter des Geistigen nicht selten sind, diese Weitabgewandtheit unbekümmert in die Schrift hineintragen, welche sie doch als ihre heilige bezeichnen. Diese Art Mensch und Gelehrter aber bildet den Grundstrom von Wissen aus, der uns, was die Bibel anlangt, noch heute trägt: die Tradition." Aus dieser Tradition das Urwort wieder herauszulösen, dieses wieder in seiner Reinheit herzustellen, war so oft, wenn auch nicht immer der zielbewußte Zweck, aber doch vielfach die ungewollte Wirkung der unkommentierten Laienbibel in fremder Sprache. Die Kirchengeschichte ist vor der Reformation voll von autoritativen Kundgebungen, die Benützung von Bibelübersetzungen durch Laien als Häresie zu brandmarken; die Gründe dafür sind nicht weit von den Gründen entfernt, aus denen die Rabbiner von Fürth und Prag den Bannstrahl auf die Mendelssohn-Übersetzung des Pentateuch herabgesandt haben. Am geglücktesten — sprachkünstlerisch gesehen — scheint uns in einer deutschen Bibel die Wahl eines Wortes oder eines Redeteils wie überhaupt die Wiedergabe eines Sinnzusammenhanges dann, wenn die Anstrengung, mit welcher der Übersetzer den hebräischen Urtext mit dem deutschen Redefluß in Einklang gebracht hat, nicht mehr spürbar ist. Es gibt aber zweierlei Leser einer modernen deutschen Bibel im jüdischen Kreis: die einen, die wissen, was hinter jeder Zeile an philologischen, theologischen und musi- 129

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.