Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Die neue Berliner Bibel
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 130 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger: Die neue Berliner Bibel kaiischen Entscheidungen steckt, die zum mindesten den Vergleich mit der Urschrift und mit den lOOfachen Übersetzungen und Kommentaren ohne weiteres anstellen können; und die zweite Kategorie (nicht einmal die Hauptkategorie) solcher Leser, die aus literarischen Neigungen oder religiösem Bedürfnis die deutsche Bibel als geschlossenes Werk für sich aufnehmen wollen. Die religionspädagogische und stilkritische Beurteilung einer Bibelübersetzung legt auf den Leserkreis der nicht hebräisch lesenden, religiös fühlenden Laien, die philologisch-historische Kritik dagegen auf den kritisch geschulten guten Bibelkenner mehr oder minder strenger traditioneller Observanz das entscheidende Gewicht. Jedes Zitat und jede Kritik der Wortwahl im einzelnen sei hier absichtlich ausgeschlossen. Man kann sehr ergiebige Listen berühmter und schwerer Stellen in den verschiedenen Übersetzungen aufstellen, mit dem Ziel, eine vergleichende Geschichte der Bibelexegese aus allen Lagern zu schreiben oder um den Standort der einzelnen Leistung, etwa ihre Haltung zur „Bibelkritik" auf diese Weise zu zeigen. Über philologische Erörterungen wird man dabei nicht weit hinauskommen. Professor Torczyner hat selbst für viele neue Wort- und Sinnerklärungen in Spezialaufsätzen der hebräischen Zeitschrift „Leschonenu" und der „Monatsschrift" Auskunft gegeben, ähnlich wie Buber zahlreiche Einzelreferate über seine Wortwahl erstattet hat. Ebenso sind die Übersetzungsprinzipien von Buber-Rosenzweig einerseits, Torczyners und seiner Mitarbeiter andrerseits schon wiederholt authentisch von ihren Urhebern dargelegt worden. Als Resultat bleibt bestehen: der unkommentierten Laienbibel ohne Urtext sind Schranken gesetzt, die meist unterschätzt werden. Von der wissenschaftlichen, religiösen und literarischen Seite wäre an und für sich neben Buber-Rosenzweig, einem billigen Neudruck von Zunz und vor allem neben den zahllosen Kommentaren keine neue deutsche Bibelübersetzung unabweisbares Erfordernis gewesen. Da die Torczyner-Übersetzung vorliegt, erfreuen wir uns an der geschmackvollen und einwandfreien Leistung, die mit den bisherigen Teilen der Berliner Bibel zweifellos zustandegekommen ist. Die Absicht einer jüdischen „Volksbibel" in deutscher Sprache scheitert allerdings an den Voraussetzungen: Nur das hebräisch aus der Tora-Rolle vorgetragene oder als Gebet rezitierte Wort ist religiös gesprochen die Bibel; die deutsche Übersetzung ist Kommentar unter Kommentaren, heute nur mehr kritisch möglich. Zahl und Art der Wortneubildungen, Abweichungen vom masoretischen Text, Verhältnis zu anderen Übertragungen, Auffassungen über rhythmisch gebundene Stellen sind dabei die großen Hauptthemen einer letzten verantwortungsbewußten Beurteilung. An dieser Stelle hatten wir uns mit den hauptsächlichsten prinzipiellen Fragen zu beschäftigen, die eine neue deutsche Bibelübersetzung aufgibt. 130