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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 128

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Die neue Berliner Bibel
Date
1935-06-01
Page
128 (sequence 6)
Language
German
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Ludwig Feuchtwanger vorhandenen Übersetzungen, vor allem Mendelssohn, Zunz, Buber-Rosenzweig, bedeutete keine Erleichterung, sondern sowohl in der exegetischen Arbeit wie im letzten Zugriff nach dem richtigen Ausdruck und in der sprachschöpferischen Neuformung des Ganzen Entsagung und vor allem Verzicht darauf, nun unbedingt „neu" und anders aufzutreten. Die Leidenschaft bei Buber-Rosenzweig, ganz nahe an den Urtext heranzukommen, also keine ursprüngliche Tempus-Nuance, keine Allitteration des Originals, keine Schattierung der im Hebräischen so wichtigen Wortstellung im Deutschen auszulassen, Wort- und Satzverbindungen, Tempo, Klang, auch die unscheinbarste Ausdrucksvariation in der fremden Sprache wieder heraushören zu lassen, diese Grundhaltung stieß sich (bei Buber-Rosenzweig) mit dem ebenso nachhaltigen und bohrenden Bemühen, ein deutsches Sprachkunstwerk zustande zu bringen, einen zusammenhängenden melodiereichen, rhythmisch gegliederten Redestrom zum Fließen zu bringen. Zu Beginn des kostbaren Werks von Franz Rosenzweig und Martin Bub er stand schließlich eine Toraübersetzung (übrigens in zwei Fassungen), die als deutsches Sprachdenkmal für sich kein Eigenleben ohne den hebräischen Text wie die alte Lutherbibel haben kann, mit diesem Text zusammen, mit ihm konfrontiert, ein Wunderwerk feinsinniger Exegese bleibt. Die Schreiber-Torczyner-Tora könnte viel eher für sich ohne die hebräische Vorlage gelesen werden; ihre maßvolle Wortwahl und ihr Verzicht, sich im ganzen allzu weit vom Hergebrachten im deutschen Ausdruck zu entfernen, machen sie trotz der vollen Selbständigkeit ihrer Entscheidungen zur glatt lesbaren deutschen Laienbibel. Von Zunz hätte man den gleichen Dienst. Im Pentateuch sind die klassischen metrischen Stücke: Jacob- und Moses-Segen (Genesis 49 und Deuteronomium 33), Schilfmeerlied (Exodus 15), Bileam-Sprüche (Numeri 23 und 24), das „Moses-Lied" (Deuteronomium 32) am schwierigsten in rhythmische deutsche Sätze projizierbar. „Einfachheit" und „Schlichtheit" reichen hier nicht aus; das in allen Fällen selbstverständliche Streben, das letzte aus dem Bibelwort herauszuarbeiten und dieses nun in deutscher Sprache bald neu klingen und singen, bald sonor mahnen, befehlen, beschwören, verwünschen, dann wieder einfach, bildhaft — weder prüde noch preziös, auch nicht gesalbt und getragen, sicher nicht pedantisch in Bild und Wort — erzählen zu lassen, dieses Streben hat in vielen Partien ziemlich enge Grenzen. Eine religiöse, theologische Urkunde wie die Bibel hat epische, lyrische Teile, Gesetzes-Corpora fremder, profaner Herkunft vielfach unbehauen und ungeglättet übernommen; nur durch die Nachbarschaft, durch das „Stehen in der Bibel" sind manchmal „unheilige" Stücke lebensoffener Weltlichkeit und Ungeschminktheit zum theologischen Anliegen geworden. Die naive, unbekümmerte, echte und beglückende „Laienhaftigkeit" von solchen „unbehauen" 128

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