Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Die neue Berliner Bibel
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger ist der „geistige Aushauch eines nationell individuellen Leben". „Alle Sprachformen" aber sind, so betrachtet, „Symbole, nicht die Dinge selbst, nicht verabredete Zeichen, sondern Laute, welche mit den Dingen und Begriffen, die sie darstellen, durch den Geist, in dem sie entstanden sind und immerfort entstehen, sich in wirklichem, wenn man es so nennen will, mystischem Zusammenhange befinden; welche die Gegenstände der Wirklichkeit gleichsam aufgelöst in Ideen enthalten, und nun auf eine Weise, der keine Grenze gedacht werden kann, verändern, trennen und verbinden können." Daraus ergibt sich die Unmöglichkeit, den „Sinn" eines Wortes, eines Satzes, noch dazu eines Textes wie der Bibel aus den Formen seiner notwendigen sinnlichen Erscheinung herauszunehmen und mit Worten und Sätzen einer anderen Sprache zu verschmelzen, die eben die Funktionen eines völlig andersartigen Sinnganzen sind. Und wenn es sich nun gar um erstorbene Rede handelt, die der Übersetzer wieder zum Klingen bringen soll! Die Forderung der „Treue" als des verpflichtenden Begreifens der individuellen sinnlich-geistigen Totalität des Originals schließt jedes Geläufig- und Gemeinverständlichmachen, jede Art der Glättung aus, und gerade die Fremdheit des Fremden, die schlechtthinige Andersartigkeit bleibt das kostbarste dem Übersetzer anvertraute Gut. Dazu kommt im Fall unserer biblischen Bücher noch Folgendes: Unsere klassischen Bibelübersetzungen — nehmen wir hier nur die vier bekanntesten: die aramäische, griechische, lateinische und deutsche — wollten mit ihrer Umgießung des ursprünglichen Wortes in die neue Sprache die Offenbarung wiederholen, denn sie erheben den Anspruch, auch ihrerseits das unverfälschte und ungebrochene Wort Gottes zu sein. Martin Luthers „Sendbrief vom Dolmetschen" aus dem Jahr 1530, des Kirchenvaters Hieronymus Brief an Pammachius „de optimo genere interpretandi" setzen sich mit dem sprachwissenschaftlichen und theologischen Problem des Bibelübersetzens auseinander. Diese alten Übersetzungen beanspruchten vielfach ihrerseits kanonische Geltung, sie sollten nach dem Willen ihrer Urheber wie das göttliche Wort selbst hingenommen werden. Wer das aramäische, griechische, lateinische, deutsche Wort danach las oder hörte, vernahm damit ohne Vermittlung die geoffenbarten göttlichen Sätze. Eine Übersetzung der Bibel inunsererZeit kann nicht ignorieren, daß die Unschuld des Glaubens an den masoretischen Text als an das vollkommen unveränderliche Wort Gottes inzwischen restlos verloren gegangen ist. Jeder Leser einer deutschen Bibel, für den die Welt kein ünlberechenbarer Zaubergarten mehr ist, stellt heute, indem er liest oder hört, bewußt oder unbewußt (die Bewußtseinsgrade dieses Suchens sind in jedem Einzelfall verschieden) die Frage: Welchen Bestandteilen der Bibel kommt der unzerstörbare Charakter des 124