Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Die neue Berliner Bibel
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 123 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger: Die neue Berliner Bibel Grundsätzliches zu einer neuen deutschen Bibelübersetzung I. Der gründliche und erschöpfende Beurteiler einer neuen Bibelübersetzungmüßte die theologische, sprachkünstlerische und sprachwissenschaftliche Seite der Übertragung getrennt behandeln und durch geordnete Vorführung des Stoffes mittels Typen und Beispielen das Unterscheidende des neuen Unternehmens von anderen ähnlichen ausfindig machen. Es könnte sich dabei als Ergebnis vielleicht herausstellen, daß einheitliche theologische, ästhetische und philologische Grundsätze hinter der sauberen handwerklichen Wortwahl und hinter einer im Grunde konventionellen, bei Schwierigkeiten eklektischen Sinnwiedergabe so gut wie völlig zurücktreten. Und doch ist die Forderung der Treue, die wir als erste Forderung an jede Übersetzung stellen, nur erfüllbar, wenn bei der strengen Arbeit der Erhaltung und Erneuerung des Originals das ursprünglich Gemeinte und Ausgesprochene durch die Transponierung des Gedankeninhalts in die neue Ausdrucksform vor Verwandlungen jeder Art geschützt bleibt. Damit aber ist wieder gesagt, daß Wortwahl und Sinn wiedergäbe nur am Ende einer vollkommenen Durchdringung der Urschrift, weit über das grammatisch-logische Verständnis oder die sachliche Kennerschaft hinaus, stehen können. Die individuelle Form des Vorbilds ersteht bei Übertragung der hauptsächlich hebräischen Sprache der Bibel in die moderne deutsche nur dann annähernd unverändert wieder, wenn dem Übersetzer die subtile Ertastung des ursprünglichen Sprachtempos, seiner Variationen gelingt und er gleichzeitig ein vollendeter Kenner der unendlich vielfältigen Entstehung und Zusammensetzung des gewaltigen, so verschiedenartigen biblischen Gesamttextes ist. Die Sprachverschiedenheit besagt nicht eine „Verschiedenheit von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst." Das ist die große Entdeckung Wilhelm v. Humboldts, der in seinen sprachphilosophischen Schriften die Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Erkenntnis des Übersetzungsproblems geschaffen hat. Die Sprache ist für Humboldt „die äußerliche Erscheinungsform des Geistes der Völker: ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ihre Sprache"; sie 123