Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 121

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Jüdische Gestalten im Lebenswerk Thomas Manns
Date
1935-06-01
Page
121 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895543-2905026--08021-2905078
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jüdische Gestalten im Lebenswerk Thomas Manns Aber auch bei der kritischen Untersuchung des „Zauberbergs", im besonderen des Konfliktes Settembrini-Naphta, glaubten die meisten, die Tatsache, daß der „Jesuit" Naphta jüdischer Abstammung sei, als eine nebensächliche, fast launenhafte Ausschmückung ansehen zu dürfen, mit der der Dichter keine besondere Absicht verbunden und die ebenso gut hätte unterbleiben können. Naphta wird von ihnen nur als der starre Dogmatiker angesehen, der mit den Mitteln modernster Dialektik — sein Widersacher Settembrini bezeichnete ihn als „princepsscholasticorum" — mittelalterliche Ideale der Mystik und des Terrors verteidigt. Die Ausführlichkeit, die Thomas Mann für die Beschreibung des Milieus verwendet, aus dem Leo Naphta stammt, wird von ihnen übersehen, sie erkennen nicht, daß des Jesuiten Deszendenz allein den Schlüssel zu seiner Leben und Menschheit gegenüber absonderlichen und fragwürdigen Haltung liefert. Elia Naphta, der Vater, war Schochet in einem kleinen Ort in der Nähe der galizisch-wolhynischen Grenze. Von ihm, der als Thoraforscher großes Ansehen in der Gegend genoß, hatte der Sohn „einen außerordentlichen Verstand geerbt, Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz, bohrender Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden und ihn über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen." In dieser Charakteristik läßt sich all die Schwierigkeit seiner späteren Existenz erkennen. Zwei Wege gibt es, um den Zustand eines unerträglichen Spannungsverhältnisses zum Leben zu überwinden. Der eine ist der Weg Dr. Sammets: Anwendung der ungewöhnlichen Geistesgaben zur Leistung im bürgerlichen Sinne. — Naphta wird den anderen Weg wählen. Nach einem Progrom, bei dem der Vater auf gräßliche Art ums Leben gekommen ist, flieht die Mutter mit den Kindern in ein "kleines Städtchen des Vorarlbergs. Hier erhält Leo die erste wissenschaftliche Ausbildung durch den Kreisrabbiner, der auf ihn aufmerksam wird. Die ständigen religiösen und philosophischen Reibereien zwischen Lehrer und Schüler führen aber bald dazu, daß der „gute Talmudist" ihn verstößt. Naphta macht die Bekanntschaft eines Paters, der, begeistert von den intellektuellen Fähigkeiten des „armseligen Judenjünglings", ihn nach Bekehrung zum Katholizismus in die Erziehungsanstalt der Jesuiten aufnimmt. Naphta bewährt sich tadellos. Doch ein von der Mutter ererbtes, sich ständig verschlimmerndes Lungenleiden zwingt ihn nach einigen Jahren, das „Gottesstudium" abzubrechen und sich nach Davos zu begeben, wo er Lateinunterricht am Fredericianum, dem Krankengymnasium, erteilt. Das ist Naphtas äußere Entwicklung bis zu dem Augenblick, wo er den Menschen des „Zauberbergs" zum ersten Mal begegnet. Seine innere Entwicklung ist eine erschreckend radikale Zuspit- 121

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.