Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Jüdische Gestalten im Lebenswerk Thomas Manns
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 122 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinz Berggrün: Jüdische Gestalten im Lebenswerk Thomas Manns zung der Sonderstellung im Leben. Im Gegensatz zu Sammet will er durch den Geist nicht dem Leben dienen, in ihm tätig sein, sondern es überwinden. Vernunft und Tat, Fortschritt und bürgerliche Lebensbejahung sind für ihn nur Objekte des Hohns und der Verachtung, er lehrt das Nichtstun und „die beschauliche Abgeschiedenheit von Welt und Kreatur zum Zwecke der Beiwohnung mit Gott". Denn das ist sein Ideal: die Wiederherstellung des Gottestaates nach Auflösung aller irdischen Formen. Nihilistisch leugnet er das sittlich geordnete All, den Unterschied von Gut und Böse. Die Welt sei nicht das Streitobjekt zwischen Gott und Teufel als zwei verschiedenen Personen oder Prinzipien. „In Wirklichkeit seien sie (Gott und Teufel) eins und einig dem Leben entgegengesetzt, der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend, — als das religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten." Ist an dieser Auffassung noch irgendetwas jüdisch? Man kann dies Weltbild geradezu als die Antinomie jüdischer Ethik, die doch in bewußter Lebensbejahung wurzelt, bezeichnen. Aber die Tatsache, daß Naphta überhaupt zu einer solchen Haltung gelangen kann, ist nur durch seine Herkunft zu erklären. Er hat den falschen Weg gewählt. Er hat geglaubt, seine intellektuellen Kräfte seien stark genug, um kompromißlos auf die Kräfte des Lebens verzichten zu können. So rennt er in eine Isolierung des Geistes, in der er dem Leben nicht mehr standhalten kann. Parallel mit seinem physischen Verfall erfolgt der seelische. Naphta geht zugrunde, weil er sich nicht einordnen konnte. Man liest seine Geschichte als Jude gewiß nicht mit derselben Befriedigung wie die des jüdischen Arztes aus "der „Königlichen Hoheit". Aber man liest sie mit der tiefen Achtung vor einem Dichter, der sich bemüht, die Gefahren aufzuzeigen, die in der Besonderheit der jüdischen Mentalität verborgen liegen. Thomas Mann hat nie einseitig geurteilt. In dem Streben nach Erkenntnis war er immer von dem Willen beseelt gewesen, Kritik nach beiden Seiten hin zu üben. Mit der gleichen Strenge, mit der er das Destruktive in der rein intellektuellen Lebenshaltung Naphtas aufdeckt, wendet er sich gegen die Oberflächlichkeit antisemitischer Regungen bei denen, auf die der Philosoph keinen günstigen Eindruck macht. Nach der ersten Begegnung mit Naphta äußert Joachim Ziemßen, eine der Hauptgestalten aus dem „Zauberberg": „Und dabei hat er ja eine Judennase, sieh ihn dir doch' an! So miekrig von Figur sind auch immer nur die Semiten. Hast du denn ernstlich vor, den Mann zu besuchen?" „Selbstverständr lieh werden wir ihn besuchen!" erklärte Hans Castorp. „DieMiekrigkeit, — das ist nur das Militär, das da aus dir spricht. Aber die Chaldäer hatten auch solche Nasen und waren doch höllisch auf dem Posten. .." 122