Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Jüdische Gestalten im Lebenswerk Thomas Manns
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 120 (sequence 2)
- Language
- German
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Heinz Berggrün jüdische Gestalten entgegen: der Arzt Dr. Sammet in der „Königlichen Hoheit" und der Philosoph Naphta im „Zauberberg". Beide sind typische Gegenwartsjuden, grundverschieden voneinander und doch verwandt durch den gleichen Ausgangspunkt: ihr Judesein ist ihnen Schicksal, zwingt sie in eine Ausnahmestellung hinein, durch die sie — hier ordnen sie sich in die Reihe der .„Besonderen" ein —In einer problematischen Haltung dem Leben gegenüberstehen. Für Dr. Sammet, „ein Malheur von Geburt, insofern er ein Jude war," ist die Lösung eindeutig. Er ist sich seiner Sonderstellung und der sich daraus ergebenden Schwierigkeiten im Lebenskampf vollauf bewußt. Aber diese Sonderstellung zwingt ihn zu besonderer Verantwortlichkeit. Als man ihn fragt, ob er seine Herkunft als ein Hindernis auf seinem Wege empfunden habe, antwortet er „mit gedämpfter, aber innerlich eifriger und bedrängter Stimme": „Kein gleichstellendes Prinzip, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, wird je verhindern können, daß sich inmitten des gemeinsamen Lebens Ausnahmen und Sonderformen erhalten, die in einem erhabenen oder anrüchigen Sinne vor der bürgerlichen Norm ausgezeichnet sind. Der einzelne wird gut tun, nicht nach der Art seiner Sonderstellung zu fragen, sondern in der Auszeichnung das Wesentliche zu sehen und jedenfalls eine außerordentliche Verpflichtung daraus abzuleiten. Man ist gegen die regelrechte und darum bequeme Mehrzahl nicht im Nachteil, sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr als sie zu ungewöhnlichen Leistungen hat." Dr. Sammet, der sich, aus kleinen Verhältnissen kommend, „den Wind hatte um die Nase wehen lassen", ist zu dieser ungewöhnlichen Leistung emporgestiegen, er ist ein tüchtiger Arzt geworden, der das Vertrauen des Herzogs genießt; durch eine besondere Leistung auf bürgerlichem Boden hat er sich also die Kompensation für seine anfänglich so problematische Sonderstellung geschaffen. In einer streng philologischen Arbeit müßten, bevor wir uns der jüdischen Gestalt aus dem „Zauberberg" zuwenden, kleine Nebenfiguren erwähnt werden — etwa in der Novelle „Der Wille zum Glück" oder in „Luischen" — "denen der Dichter das Beiwort „jüdisch" anheftet, die aber ihrem Wesen nach ebenso gut Nichtjuden hätten sein können und somit in diesem 'Zusammenhang keine besondere Bedeutung haben. Auch der noch nicht abgeschlossene Roman-Zyklus „Joseph und seine Brüder", dessen Hauptgestalten zwangsläufig Juden im historischen Sinne sind, soll hier nicht genauer untersucht werden. Denn wenn der Dichter einen biblischen Stoff wählte, so tat er dies ja nicht, um spezifisch jüdische Probleme und Gestalten darzustellen, sondern um allgemein menschliche Beziehungen und Vorgänge der Frühe, die weit über Jüdisches hinaus Gültigkeit haben, zu gestalten. 120