Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Jüdische Gestalten im Lebenswerk Thomas Manns
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 119 (sequence 1)
- Language
- German
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Heinz Berggrün: Jüdische Gestalten im Lebenswerk Thomas Manns Zum 60. Geburtstag des Dichters am 6. Juni Thomas Manns ganze Sorge und Liebe hat immer den „Besonderen", den „Sorgenkindern des Lebens" gehört, denen, die abseits vom Alltag standen und eine tiefe Sehnsucht nach den „Wonnen der Gewöhnlichkeit", nach dem „Leben in seiner verführerischen Banalität" empfanden. Der Dualismus von Geist und Leben in allen Abwandlungen und Schattierungen — das ist das Zentralproblem seines Schaffens; auf der einen Seite stehen die vom Leben Vernachlässigten: Krüppel und Schwächlinge, Degenerierte und Intellektuelle — vor allem aber die Künstler, die am stärksten die Tragik ihres vom Leben Ausgeschlossenseins fühlen und immer wieder neue Wege suchen, um die Synthese zwischen Geist und Leben, zwischen Künstlertum und Bürgertum (denn im Bürgerlichen sieht Thomas Mann den reinsten Ausdruck des „Lebens") zu finden. Auf der anderen Seite stehen kraftstrotzendie Gestalten wie der robuste Mynheer Peeperkorn oder Herr Klöterjahn im „Tristan", für die die Geistigen nur „Jammermenschen" sind, die an der Wirklichkeit nicht teilhaben, denen vielmehr „der Lebensgenuß streng verwehrt" ist. Wenn wir nun in Thomas Manns Werk an bedeutsamen Stellen auf die Darstellung jüdischer Menschen stoßen, so erklärt sich das in keiner Weise aus soziologischen oder historisch-politischen Motiven, sondern allein aus dem psychologischen Reiz, auch die Sonderstellung des jüdischen Menschen zu erfassen und ihn somit in die Kette der „Besonderen" einzugliedern, zu denen ebenso der Bettler in den „Hungernden" wie Klaus Heinrich, die „Königliche Hoheit" gehören. Die Zwiespältigkeit seiner eigenen Natur in seiner Beziehung zum Leben, seine ähnlich wie bei Heine entwickelte Fähigkeit, zugleich zu erleben und das Erlebte betrachtend zu analysieren, lassen Thomas Mann die Eigenart des jüdischen Menschen in besonderem Maße erkennen. In zwei großen Romanen treten uns 119