Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 115 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum herausgestaltet, nur als Frage: als Frage des Menschen nach seiner eigenen Wirklichkeit. Zum erstenmal seit der größten Enthüllung des Antlitzes, die je im menschlichen Raum geschehen ist: der Enthüllung des unsichtbaren Antlitzes des Einen, dem der Mensch sich entgegenbilden soll, wird wieder das Antlitz gesucht, seine Enthüllung erstrebt. Aber nun als ein anderes, ein einsames, verlassenes, tief verwirrtes, in anderem und furchtbarerem Sinn unsichtbares, über dem der Glanz des Einen Antlitzes, der es erleuchtete und bildete, erloschen ist — Und diese Frage stellt sich nun auch in einer bereits sich umwandelnden deutschen Wirklichkeit dem jüdischen Menschen im besonderen. Muß nicht an ihm, dem allein an Gott Lebenden, das Nichts dieser Stunde noch weit furchtbarer sich auswirken als an den anderen Völkern? Aber von dieser Angst um das jüdische Dasein waren seit langem, auch als die deutsche Welt noch ruhig und problemlos schien, eine Anzahl jüdischer Geister erfaßt. Ihnen zeigte sich die deutsch-jüdische Problematik in ihrer eigentlichen Tiefe, lange bevor sie feste äußere Gestalt annahm. An erster Stelle steht hier Martin Buber, dessen Wirken und Wirkung sich vom Jahrhundertbeginn bis zum heutigen Tage durch die deutsche Wirklichkeit zieht Rein im Zeichen des Geistes hat Hermann Cohen seine jüdische Erneuerung vollbracht Vom Religiös-Theologischen her waren es vor allem Männer wie A. N. Nobel, Leo Baeck, die die Juden zu ihrem verlassenen Erbgut zurückzuführen strebten. Eine der stärksten und reinsten Gestalten: Franz Rosenzweig, hat an der Front eine leuchtende Auseinandersetzung zwischen jüdischem und deutschem, jüdischem und christlichem Geist geleistet. Und abermals entspringt hier am Ende der Synthese wie an ihrem Anfang eine Übersetzung der Schrift. Unter völlig anderen sprachlichen und realen Voraussetzungen als denen Luthers wie Mendelssohns, von einer sehr viel tieferen Problematik der Sprache wie des Lebens aus wurde von Buber und Rosenzweig dieses große Werk unternommen, das heute noch nicht abgeschlossen ist. Aber neben dieser Bibelübersetzung, in der, wie in Rosenzweigs „Stern der Erlösung", allen Zweifeln zum Trotz noch einmal der Name in seiner alles überstrahlenden Gewißheit aufleuchtet, hat noch ein anderer großer Jude aus dem Herzen dieses Augenblicks gesprochen, einer, dessen Gegenstand nicht der Name, nicht die Gewißheit, sondern die Unaussprechbarkeit des Namens, der unüberbrückbare Abgrund zwischen dem Gottesnamen und der Wirklichkeit unserer Welt ist; der Dichter Franz Kafka. Er hat nicht als Führer, nicht als wegweisende Persönlichkeit zu den Menschen geredet, sondern aus dem Abgrund dieser Welt selbst. In seiner unheimlichen, qualvoll versponnenen Kunst ist Gott völlig IIS