Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 114 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman beiden anderen: der soziologischen und der psychologischen, dagegen geht es, auf verschiedenen Gebieten und von völlig verschiedenen Gesichtspunkten aus, um eine Veränderung der Wirklichkeit selbst: um Rettung und Tat der einen, um Erweckung und Heilung der anderen. Für beide ist der Geist um das Geistes willen nichts; er ist nur da, um Wege für eine Umgestaltung und Neugestaltung des menschlichen Lebens zu finden. Mit der Frage nach der realen Not der lebendigen geschichtlichen Menschen ist das Leben in den Schutz und die Verantwortung des Geistes gestellt. Der Geist soll von nun an nicht mehr schweifen; er soll Verantwortung tragen. Aber alle diese verschiedenen Analysen haben sich dann trotzdem in letzter Tiefe wieder mit der Lebensphilosophie verschlungen und durch diese Verschlingung zu völlig neuen Fragestellun*- gen und Lösungsversuchen getrieben. Denn die Lebensphilosophie führte in ihrer Auflösung aller Werte und Gesetze doch noch etwas anderes mit sich. In ganz anderer Weise als die Sphäre der Ratio enthält die Vitalsphäre in sich die existenzielle Urfrage: die nach dem lebendigen Subjekt des Geschehens, dem realen konkreten Menschen. Noch bevor all diese differenten Denkweien sich zu dieser neuen Fragestellung verdichtet hatten, in der deutscher und jüdischer Geist unauflösbar verschlungen sind, geschah der Ausbruch des Weltkrieges. Nun, in der schwersten Stunde war in Wirklichkeit das Vaterland der Deutschen und der Juden eins; und vielen gerade der geistigen Juden erschien es als eine schmerzhafte und selige Bestätigung, in dem Opfer von Leib, Gut und Blut ganz und gar hineinzuwachsen in die deutsche Wirklichkeit. Aus der Flammenhölle des Krieges, in dem die Menschen herausgerissen wurden aus allen Bindungen und Bergungen der Kultur, stieg dann wiederum ein verwandelter Typus Mensch empor, ein zerstörtes, völlig unkenntlich gewordenes, im tiefsten fragwürdiges Wesen. Und in dem brausenden Nichts des nun heraufgekommenen, ganz ins Irrationale gesunkenen, wert- und gesetzlosen Lebens, an dessen äußerstem Rande die Ratio in der schwindelnden Entwicklung der Technik ihre menschenfremden Orgien feierte, — nun erst strömte alles bisherige Denken zusammen zu der. Einen Frage. Indem die drei Analysen mit ihrer Klärung und Denkschärfung in das Grauen des lebendigen Lebens und des verwirrten Denkens hineinleuchten, indem zugleich die Lebensphilosophie und eine neu erwachende Theologie in Bejahung und Verneinung die brennendsten Fragen des Menschseins aufleuchten lassen, vollzieht sich in diesem Augenblick ein Mysterium: inmitten der ungeheuersten Auflösung alles Menschlichen taucht aus den Wolken des Chaos das lebendige Antlitz des Menschen herauf. Nur von fern, nur angedeutet, noch nicht klar 114