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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 116

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum
Date
1935-06-01
Page
116 (sequence 10)
Language
German
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Margarete Susman: Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum verstummt. Ja, das Verstummtsein Gottes und die Wirkung dieses Verstummtseins an der Welt ist der ganze Inhalt dieser Kunst selbst: der schweigende Gott und das in unerbittlicher Strenge wirkende, aber dem Menschen unvernehmbar gewordene Gesetz. Aber in diesem Augenblick bricht wieder die grauenvolle Begnadung, das furchtbare Schicksal, das den Juden jedesmal da trifft, wo er zu tief in ein irdisches Vaterland hineingewachsen, zu restlos mit einer fremden Kultur verschmolzen, zu sehr von seiner eigenen Wahrheit abgetrieben ist, über den jüdischen Menschen herein. Etwas Unfaßbares, gar nicht zu Verwirklichendes kommt über das deutsche Judentum: die erneute und vertiefte Erfahrung seines Ausgerissensein aus der Schöpfungsordnung — und diesmal in einem Augenblick, wo es unmöglich geworden scheint, die Identität mit der deutschen Kultur zu zerreißen, ohne daß das ganze Gewebe zerreißt — wo es ebenso unmöglich scheint, an die alte Wahrheit des Ursprungs wieder anzuknüpfen. Und doch: als diese Wahrheit des dreifach Verstoßenen, vom Gesetz wie vom Vaterland Losgerissenen, vom Land der Väter nur zu einem kleinen Teil Aufgenommenen — gerade in dieser furchtbaren Bedrohung erhält das ewige jüdische Problem einen neuen: den unendlich vertieften alten Sinn. Wir stehen wirklich und wahrhaftig vor unserer Wahrheit. Ob eine jüdisch-deutsche Synthese in einer neuen veränderten Form gefunden werden kann, ob die deutschen Juden sich in einer Welt, die sie nicht aufnimmt, verstreuen werden, ob Palästina, das nur eine beschränkte Zahl von Juden einläßt, dennoch zu einer Lösung führen kann, — alle diese Fragen sind, so furchtbar und brennend sie als Wirklichkeitsprobleme sind, für das heutige Judentum nicht das letzte und äußerste Problejm. Sondern umwittert von all diesen schweren Schicksalsfragen und in ihnen selbst steigt die Frage herauf: Kann von dem aus, was wir in der deutschen Welt geworden sind, von einem nicht mehr gewußten und gelebten Gesetz, von einem nicht mehr klar umrissenen und erlebten Gott, von einer uns nicht mehr gegenwärtigen jüdischen Wirklichkeit aus dennoch das jüdische Schicksal wieder als echtes lesbar werden? Aber schon die Frage, als wahrhaftige lebendige Frage dieser Stunde, steigt ja wie der sich aus sich selbst erneuernde Flammenvogel aus der Asche unseres geschichtlichen Daseins auf. Einmal mit dem ganzen ungeheuren Ernste dieser Stunde gestellt, ist ja diese Frage selbst Weisung und Gebot, bedeutet sie die Entscheidung, ob der Strom der jüdischen Wahrheit, unterirdisch und verborgen fortrauschend, auch dies eine Mal noch die Kraft haben wird, als eine echte Wirklichkeit das jüdische Dasein zu tragen, seine Wurzeln zu speisen und es damit zu einer neuen lebendigen geschichtlichen Gestalt zu erwecken. 116

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