Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 113 (sequence 7)
- Language
- German
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Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum Welt aus dem geheimnisvollen Flammenkern des Klanges, es bedeutet auch die Schaustellung vor einer großen Menge von Menschen. Nicht vor einer Gemeinde, sondern vor einem Publikum, d. h. einer beliebig zusammengewürfelten Menge von Großstadtmenschen, hat Wagner die letzten Mysterien des Inneren entschleiert, und die Menschen, die sich mit seinen Gestalten identifizierten, sich selber unkenntlich gemacht Und so stieg, was bei ihm bloße Bühnenwirklichkeit war, sehr bald hinab in das Denken und Leben selbst. Wagner ist so zum Vorläufer der großen deutschen Lebensphilosophie wie einer neuen großen deutschen Dichtung geworden. Denn wenn auch zur Lebensphilosophie bereits Schopenhauer den Grund gelegt hatte — Nietzsche, nicht Schopenhauer ist der erste eigentliche Lebensphilosoph. Während Schopenhauer das Leben als Sinnlosigkeit und Leid entdeckte, aber auch verwarf, erhebt Nietzsche mit gewaltiger Geste dies völlig irrationale, von Leid und Nacht und Nichts randvolle Leben selbst zum absoluten Wert. So bedeutet Lebensphilosophie nicht nur die Preisgabe jedes festen Gerüstes von Ratio und Gesetz, die Aufgabe jeder Wahrheit und Klarheit; sie bedeutet überhaupt alles oder nichts. Sie ist ein Begriff, der sich bestimmt im Munde dessen, der ihn ausspricht. Sie ist ebenso sehr der Ausdruck einer tiefen existenziellen Sehnsucht wie der des vollkommenen Zerfalls des Seins. Und kraft dieser Sehnsucht wächst aus diesem Zerfall jene längst versunkene Mythenweit empor. Mit der immer realeren Vergöttlichung menschlicher Gestalten in einer zerrinnenden Wirklichkeit rinnen Schein und Wirklichkeit, Traum und Wachen, Mythengestalt und Mensch ineinander; niemand kennt sich mehr, niemand die Welt, in der er steht, die Wirklichkeit, der er angehört und die ihn fordert. Gegen diese ungeheure Vermischung des Wirklichen, in die sich auch der jüdische Geist weithin eingeordnet hat, erhebt sich in Deutschland bereits vor dem Krieg eine neue völlig veränderte Art des Denkens, die diese gesamte Verhüllung und Verbildlichung zu durchdringen und Schritt um Schritt, Wirrnis und Schein gedanklich auflösend, hinabzudringen strebt in den echten Grund der Erscheinungen. Es sind die aus jüdischem Geist gespeisten drei großen Analysen des Wirklichen: die soziologische, die die wirkliche Gestaltung des Gesellschaftslebens aufzudecken sucht; die psychologische, die die echte Struktur der seelischen Erscheinungen in Traum und Wachen zu ergründen und zu sondern strebt, und die phänomenologische, die in strengem Rückgang von allem nur Ungefähren auf das Wesenhafte die mit sich selbst identischen Formen und Akte des Denkens zu ergreifen sucht. Diese letztere Analyse verschmäht grundsätzlich jede Beziehung auf das Wirkliche; sie erstrebt nichts anderes als die allem Erfassen des Wirklichen vorausgehende Klärung des Denkens in sich selbst. Den 113