Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 112 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895543-2905024--08010-2905069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Margarete Susman zum Vaterlande von einer zeitlosen Ordnung des Gesetzes aus in dessen zeitlich-geschichtliche Gestalt hineingreifend, nicht in ihm untergehend und verschwimmend, sondern es haltend und stützend, in einer Liebe, die Kritik, in einer Kritik, die Liebe ist, — so kann man wohl am besten die Haltung der Heine, Lassalle, Landauer, Rathenau in all ihren noch so verschiedenen Überzeugungen charakterisieren. Aber gerade hier, wo am tiefsten, am leidenschaftlichsten, am unbedingtesten die Juden sich dem deutschen Vaterlande verbunden glaubten und ihr Leben in es einsetzten, klafft am tiefsten der Abgrund zwischen jüdischem und deutschem Geist. Der deutsche Geist hatte von Luther an eine Wendung vom Außen ins Innen erfahren, die dann, seit Kant, durch den Idealismus und die Romantik hindurch, sich mit der Wendung zum Irrationalen mischte und schließlich in der zweiten Romantik immer steiler und verhängnisvoller auf ihren Gipfel stieg. Zugleich aber und in unheimlicher Entsprechung mit dieser Wendung ins Innere und Irrationale begann Deutschland mit dem ganzen übrigen Europa in eine völlig veränderte Epoche hineinzuwachsen: in die Welt der Maschine, der Technik, der Industrie, der Flucht der Menschen vom Lande in die Großstädte, der Loslösung der wirtschaftlichen Werte von jedem Realwert, die alles in allem einen völlig verwandelten Menschentypus hervorbrachte. Diese selbe reale Welt mit ihren neuen Forderungen, von denen Heine ausging, war der Ausgangspunkt Wagners, der sich anfangs gleichfalls den politischen Fragen, der Gegenwartsgestaltung zugewandt hatte, um sich dann mit ungeheurer Gewalt in den Venusberg der Kunst zu flüchten, dessen Tore sich für immer hinter ihm schlössen. Mit Wagner beginnt die Wendung des deutschen Geistes zum Mythos. Eine ganze uralte Götter- und Mysterienwelt, von der die Menschheit seit Jahrtausenden losgerissen war, rauschte in seiner Kunst aus dem Abgrund des Nichts empor und verdeckte mit ihrer verführerischen Gewalt alle Wirklichkeiten und Probleme des realen menschlichen Daseins. Denn der Mythos war nicht mehr die originäre Wahrheitsform jener Zeit; nicht mehr stieg er wie in den Zeiten seiner Echtbürtigkeit aus der gebärerischen Tiefe des Lebens selbst empor; nur noch der Geist einzelner vermochte ihn zu beschwören, und immer tiefer zog er sich darum in das Esoterische zurück. Wagner dagegen hat, indem er sich der Welt, in der er lebte, durch eine Flucht bis weit in die Unendlichkeit des Inneren und eine nicht mehr existente Vergangenheit entzog, sich ihr doch zugleich wieder eingefügt und unermeßlichen Einfluß auf sie gewonnen — und zwar durch die Art seiner Kunst selbst: durch die verhängnisvolle Gestalt der Oper. Denn Oper, das bedeutet nicht nur jenen rauschenden Zusammenklang von Musik und Dichtung, nicht nur das Erwachsen einer ganzen 112