Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 111 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895543-2905024--08009-2905068- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vorn geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum durchweg von einem letzten sehnsüchtigen Wissen um eben die Form des Menschentums getragen, die dem Juden schicksalsmäßig versagt ist Die Tiefe und Tragik dieses Verhältnisses — Eros im wahrsten Sinne: in der genauen Mitte zwischen Haben und Nichthaben — wird von der ersten großen jüdischen Goethe-Erfassung', der Raheis an in fast allen Deutungen Goethes aus jüdischem Geist sichtbar. Weit lebensnäher und gefahrvoller aber als Goethe und der Idealismus war es dann die deutsche Romantik, die in einem wahren Wirbel die jüdischen Geister, zumal die nach geistiger Nahrung verschmachtenden jüdischen Frauen, von den zu jener Zeit nicht mehr wahrhaft lebendig erlebten jüdischen Gehalten abbog und mit einer einzigen Flutwelle von allem noch eben Geglaubten und Geliebten hinweg in ihren immer weiter von Ratio und Gesetz abtreibenden Rhythmus hineinriß. Hat die Romantik so dem Judentum unzählige Seelen, ganze Generationen entrissen, so ist dies auf der anderen Seite durch die damals noch, wie bei den Kindern und Enkeln Mendelssohns, im Zeichen einer edlen und abgeklärten Kultur sich vollziehende äußere und innere Verbürgerlichung der deutschen Juden geschehen. Denn grundsätzlich geht mit der Verbürgerlichung — auch ohne die Taufe, die meist früher oder später mit ihr Hand in Hand ging — dem Juden sein Eigentlichstes verloren: das Leben im Abgrund der irdischen Heimatlosigkeit und das auf der Fluthöhe des Heiligen. Hier, in dem Hineinwachsen in die beruhigte bürgerliche Welt, steckt eines der tiefsten Probleme der Emanzipation überhaupt. Eine so leichte, fast schwebende Gestalt wie die halb bürgerliche, halb romantische Felix Mendelssohns, des vielleicht glücklichsten Menschen unter allen modernen Künstlern, ist weit von dem tragischen Doppelmysterium des jüdischen Daseins abgetrieben. Sein äußerster Gegentypus Heinrich Heine dagegen, Jude ganz und gar, und einer der leidenschaftlichsten und unglücklichsten Liebenden Deutschlands, blieb diesem Mysterium sein Leben lang verhaftet. Er, der nur zu gut wußte, daß man die Liebe für sein Vaterland erst an dessen Grenzen entdeckt und dann, wenn es im Unglück ist, wußte doch zugleich immer: „"Deutschland: Das sind wir selber." In dieser Doppelhaltung von Identität und Ferne empfand er, der Dichter des meistgesungenen deutschen Volksliedes, das Land, das er liebte und um das er litt. Er war eins mit ihm, und er sah es doch von seiner Grenze, von einer anderen Ordnung her. Und damit wurde es ihm zur Aufgabe. Heine gehörte zu den ersten seiner Zeit, die eine reale Umgestaltung der deutschen Wirklichkeit herbeizuführen strebten. Fast alle jüdischen unter den deutschen Dichtern und Denkern waren zugleich Kritiker der Wirklichkeit ihres Landes. Immer aus heißer Liebe ///