Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 110

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum
Date
1935-06-01
Page
110 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895543-2905024--08008-2905067
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Margarete Susman genommen hatte, als er, der stille, weise, abgeklärte Mann, an der öffentlich an ihn gerichteten Entscheidungsfrage seines Freundes Lavater: entweder den Vorrang seines Glaubens vor dem christlichen bekannt zu geben, oder als der deutsche Gelehrte, der er war, zum Christentum überzutreten, in schwerer jahrelanger Krankheit zusammenbrach. Und doch vermochte Mendelssohn noch, mit voller Klarheit seine weithin wirkende Tat zu begründen; denn sie stand unter einem völlig anderen Gestirn als alles heutige Leben: unter dem der allbeherrschenden klaren, in Gott gegründeten Gesetzlichkeit der Vernunft. Im Zeichen dieser festen, noch unerschütterten, vorkantischen Vernunft stand wirklich der deutsche Geist, wie nie vorher und nachher, geöffnet für den jüdischen. Die einzige Gestalt Lessings zeigt, wie wenig Mendelssohn in diesem Augenblick zum Verräter an seinem Eigensten werden mußte, um das Bündnis mit dem deutschen Geist zu schließen. Und wenn auch Mendelssohn von dem Augenblick jener gewaltsamen Lebenserschütterung an auf seinem Weg umgekehrt ist, wenn er sich von allem Studium abendländischer Weisheit abgewandt und sein Dasein und Wirken allein jüdischen Gegenständen zugewendet hat, so hat er dennoch damit die sogleich mächtig weiter wachsende und nach ihren eigenen Gesetzen sich wandelnde Synthese zwischen Deutschtum und Judentum weder aufhalten können noch wollen. Denn wenn ihn in jenen Jahren der Schwermut zweifellos die Ahnung anfiel, daß er selbst mit seiner geistigen Wendung das ihm Teuerste und Heiligste, das Gewisseste und Ewigste Wind und Wellen des geschichtlichen Lebens preisgegeben hatte — niemals konnte er doch ahnen, mit wie ungeheurer Macht die deutsche Geistesentwicklung gerade von diesem Augenblick an vorwärts drängen, zu wie schwindelnder Höhe der deutsche Geist emporsteigen, wie unaufhaltsam durch ihn die gesamte geistige Welt unter neue fremde Gestirne rücken würde. — Schon allein durch die Tat Kants, den Mendelssohn mit tiefem Recht von sich aus den „Alleszermalmer" nannte, begann die gewaltige Drehung des deutschen Geistes von der Ratio ins Irrationale. Sie begann damit, daß Kant die menschliche Vernunft aus ihrer ursprünglichen Wurzelung in Gott ausriß, um sie gleichsam an anderer Stelle in das göttliche Erdreich wieder einzupflanzen: aus der vernunftgegründeten Welt um uns in das moralische Gesetz in uns, in -dem allein — nach Kants großem Wort — dem Menschen sich das Übersinnliche entschleiert. Was diese die jüdische Grundwahrheit so nah anrührende Tat für den jüdischen Geist bedeutete, das wirkt sich erst später in seiner ganzen Macht aus. Dagegen setzt bereits neben ihm die entgegengesetzte gewaltige Wirkung deutschen Geistes auf den jüdischen ein: die Goethes. Eine Reihe wahrhaft tief er Deutungen Goethes in Deutschland sind jüdischem Geist entsprungen: fast 110

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.