Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 109 (sequence 3)
- Language
- German
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Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum heit ist, so ist es damit in eine Ordnung gestellt, die ihm hinfort nicht mehr naturhaft unterbreitet ist, sondern in die es sich selbst erst durch Erfüllung und Vollziehen einbetten muß. Damit steht das jüdische Volk ursprünglich nicht in einer Wirklichkeit, sondern in einer Aufgabe. Und dieses Stehen in einer Aufgabe, in einer unirdischen Welt ohne Land und Macht, reißt inmitten des Lebens der anderen wurzelnden Völker eine immer erneute vielfältige Problematik auf. Einzig der Jude, der streng und fraglos an das Gesetz angeschlossen bleibt und aus ihm lebt, hat Heimat, gleichviel wo er lebt; nur er allein, der sich dem vollen geschichtlichen und geistigen Dasein der Völker, in denen er lebt, und der Auseinandersetzung mit ihnen entzieht, empfindet nicht die Wunde des Ausgerissenseins aus der natürlichen Ordnung, die unter allem jüdischen Leben in fremden Völkern und Kulturen unablässig fortblutet und in allen Taten des jüdischen Geistes immer wieder aufbricht. Sie birgt für das Judentum die doppelte Gefahr einer zu großen Sehnsucht nach dem' Wurzeln und Heimathaben der anderen Völker und eines Fortgeschwemmtwerdens des Eigenen in dem Strom der geschichtlichen Entwicklung, in den das jüdische Volk mit den anderen Völkern hineingerissen wird. — Und neben diesen beiden Gefahren besteht das weitere Problem, wie auf der anderen Seite die fremden Völker auf die eigentümliche Lage und die ihnen schwer verständliche Sendung des jüdischen Volkes antworten werden und können. In der gemischten geschichtlichen Wirklichkeit konnte diese Antwort niemals eine echte und eindeutige sein, weil sie von je durch unzählige andere, vor allem wirtschaftliche Beweggründe und Schicksale überdeckt und verfälscht wurde. Die unablässige Wechselwirkung, in der, seit Juden in Deutschland leben, jüdischer und deutscher Geist gelebt haben, kann hier nur in den allergrößten Zügen angedeutet werden. Schon in frühmittelalterlicher Zeit ist das Jiddische, als Vermir schung von mittelhochdeutscher und hebräischer Sprache, ein Zeichen dafür. Das erste sogleich den ganzen deutschen Kulturkreis durchdringende Dokument einer Verschmelzung von deutschem und jüdischem Geist ist die Bibelübersetzung Luthers. Aber diese Vermischung, so tief sie ins deutsche Volk eindrang, änderte nichts am Leben der Juden und am Zusammenleben von Juden und Christen — trotz der aus herrlicher Christlichkeit ge^ borenen Frühworte Luthers über das Verhältnis der Christenheit zu den Juden. — Mitten in die volle Problematik der Synthese aber führt sogleich die erste Tat lebendiger Verschmelzung, die von jüdischer Seite ausgingrdie Moses Mendelssohns. Er als erster geistiger deutscher Jude, als Initiator dieser Lebensform, mußte an sich selbst sofort das ganze ungeheure Maß geschichtlicher Verantwortung erfahren, die er für das Leben seines Volkes auf sich1 109